„Es geht uns darum, die Beschäftigten der Hochschulen handlungssicherer im Umgang mit Antisemitismus zu machen.“
Warum ist Ihr Angebot besonders für die Zielgruppe der Hochschulangestellten wichtig?
Katrin Henkelmann: Antisemitische Vorfälle an nordrhein-westfälischen Hochschulen haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen: Von 2023 bis 2025 verzeichnet die Zentrale Anlaufstelle für Antisemitismus an Hochschulen (ZeBA NRW) einen Anstieg um 240 Prozent. Bundesweite Umfragen unter jüdischen Studierenden zeigen, dass 85 Prozent von ihnen ihre jüdische Identität im Hochschulkontext verbergen. Das sind alarmierende Zahlen, die auf ein Problem hinweisen, das nicht allein Hochschulleitungen oder Antisemitismusbeauftragte betrifft, sondern uns alle.
Gleichzeitig erleben wir in unseren Weiterbildungskursen, dass viele Hochschulbeschäftigte im Umgang mit dem Thema unsicher sind – unter anderem, aber nicht nur, im Zusammenhang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt: Wie äußert sich Antisemitismus in diesem Kontext? Wo liegen die Grenzen zwischen legitimer Kritik an der israelischen Regierung und antisemitischen Äußerungen?
Die nächsten Online-SeminareDienstag, 17. November 2026 | 9-13 Uhr
Was ist Antisemitismus? Von antikem Judenhass bis zur IsraelfeindschaftFreitag, 27. November 2026 | 9-13 Uhr
Geschichte und Gegenwart des arabisch-israelischen KonfliktsDonnerstag, 3. Dezember 2026 | 9-13 Uhr
Was hilft? Best Practices gegen Antisemitismus im HochschulkontextInfos & Anmeldung auf huef-nrw.de
Das Projekt „Israelbezogenem Antisemitismus an Hochschulen entgegentreten“ (IBAS) erarbeitet Online-Materialien und bietet Fortbildungen für Beschäftigte an nordrhein-westfälischen Hochschulen an.
Mit unserem Angebot möchten wir diese Unsicherheiten abbauen. Wir sensibilisieren die Teilnehmenden für unterschiedliche Erscheinungsformen von Antisemitismus und setzen uns mit der Geschichte des Zionismus, der Staatsgründung Israels und den andauernden Konflikten auseinander. Außerdem erarbeiten wir konkrete Handlungsmöglichkeiten für den Hochschulalltag: Wie erkenne ich antisemitische Äußerungen und Strukturen? Wie reagiere ich, wenn ich Antisemitismus beobachte? Und wie kann ich dazu beitragen, dass sich jüdische und israelische Hochschulangehörige an meiner Hochschule sicherer fühlen?
Das Ziel von IBAS ist es, eine Hochschulkultur zu stärken, in der Antisemitismus erkannt, klar benannt und ihm konsequent entgegengetreten wird. Hochschulbeschäftigte können durch ihr Handeln und Engagement wesentlich dazu beitragen, dass Hochschulen zu Orten werden, an denen jüdische Menschen ohne Angst vor Ausgrenzung oder Anfeindungen lernen und arbeiten können – und zwar ohne dafür ihre Identität verstecken zu müssen.
Ihre Weiterbildungen richten sich an alle Hochschulbeschäftigten in Nordrhein-Westfalen. Was genau bieten Sie an und wie viele Beschäftigte haben Ihr Angebot bisher wahrgenommen?
Matheus Hagedorny: Hunderte! Wir haben mittlerweile eine Bandbreite an Formaten entwickelt. Angefangen mit einem sechsstündigen Kompaktkurs über Online-Vertiefungsmodule bis hin zu einem E-Learning. Neben diesem Kerngeschäft bieten wir ein jährliches herbstliches Fachforum an und werden im laufenden Projektzeitraum eine zweitägige Fachtagung ausrichten. Wir sind daher sicher, dass unsere Teilnehmendenzahl bis Ende 2028 vierstellig sein wird.
Besonders gut haben wir die Verwaltungsmitarbeitenden erreicht, die an ihren Standorten von allen Statusgruppen oft am kontinuierlichsten präsent sind. Mittlerweile ergibt sich häufig eine gute Mischung aus Lehrenden, Mittelbau, technischer und nichttechnischer Verwaltung. Diese gemischten Gruppen zu begleiten, macht mir besonders große Freude.
Zu unserer neuen Projektphase seit Herbst 2026 gehört nicht nur das Angebot, an jede Hochschule zu kommen, sondern bei Bedarf auch einzelne Statusgruppen und Abteilungen anzusprechen. Seien es Lehrende aus dem Mittelbau oder die Kolleg_innen aus dem Gebäudemanagement: wir wollen so niedrigschwellig und praxisnah wie möglich arbeiten.
In den IBAS-Online-Kursen beleuchten Sie Antisemitismus und auch den aktuellen israelisch-palästinensischen Konflikt. Wie hilft Ihr Angebot den Teilnehmenden im Hochschulalltag weiter?
Katrin Henkelmann: Antisemitismus zeigt sich an Hochschulen nicht selten in der Diskussion und Wahrnehmung rund um den aktuellen Konflikt im Nahen Osten. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: Ein Großteil der an Hochschulen gemeldeten antisemitischen Vorfälle ist dem israelbezogenen Antisemitismus zuzuordnen. Deswegen sprechen wir auch in unseren Seminaren darüber.
Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung geht es uns auch darum, die Beschäftigten handlungssicherer im Umgang mit Antisemitismus zu machen. Denn viele fragen sich, wie sie reagieren sollen, wenn sie mit problematischen Äußerungen konfrontiert werden oder antisemitische Sticker oder Schmierereien im Hochschulgebäude sehen – oder auch Slogans, bei denen sie sich unsicher sind, ob sie antisemitisch sind oder nicht. Unsere Kurse sollen bei der Orientierung helfen und Impulse geben, um solche Situationen besser einschätzen und angemessen darauf reagieren zu können.
Dabei gibt es nicht für jede Situation eine einfache Antwort – das versuchen wir den Teilnehmenden auch immer wieder klarzumachen. Der Kurs ist eher als Hilfe zur Selbsthilfe zu verstehen: Wir möchten die Teilnehmenden darin bestärken, sich auch über unsere Kurse hinaus mit dem Thema zu beschäftigen.
Hat Ihrer Wahrnehmung nach der Bedarf an Unterstützung und Aufklärung zu Judenhass und Israelfeindschaft in den vergangenen Monaten zugenommen?
Matheus Hagedorny: IBAS ist nach wie vor sehr gut ausgelastet. Die Nachfrage hat sich allerdings verändert. Zu Beginn des Projekts in 2024 und 2025 liefen die tagesfüllenden Kompaktkurse in Präsenz praktisch von selbst voll, sodass wir teils sogar einen Anmeldestopp verhängen mussten. Der Orientierungsbedarf war sehr breit. Diese Nachfrage verebbte Ende 2025, während fast zeitgleich das Interesse an Online-Vertiefungsseminaren stark zunahm.
Mittlerweile erreichen uns etliche spezifische Anfragen von einzelnen Hochschulen, um ihre besonderen Weiterbildungsbedarfe vor Ort in Inhouse-Schulungen zu bearbeiten. Das ist aus meiner Sicht eine sehr gute Entwicklung, weil wir die Hochschulen vor Ort dazu anregen, auf gemeinsamer Wissensbasis die Bekämpfung von Antisemitismus zu institutionalisieren. IBAS hat sich binnen zwei Jahren etabliert und unser Angebot hat sich herumgesprochen. Deswegen gehe ich davon aus, dass wir in nächster Zeit gut in der Hochschullandschaft von NRW herumkommen.
Vielen Dank für die Einblicke in Ihr Projekt!
Für weitere Informationen
Kooperationspartner
Die Organisation und Abwicklung findet in Kooperation mit der Hochschulübergreifenden Fortbildung NRW der Fernuniversität Hagen statt.
Geldgeber
Zukunftsfonds des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen
KONTAKT
Dr. Matheus Hagedorny
Wissenschaftliche Leitung im Projekt „Israelbezogenem Antisemitismus an Hochschulen entgegentreten“ (IBAS)
Aachen, Sozialwesen
Katrin Henkelmann
Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Israelbezogenem Antisemitismus an Hochschulen entgegentreten“ (IBAS)
Aachen, Sozialwesen