Tag der Betreuung: „Pflegende Angehörige übernehmen eine riesige gesellschaftliche Leistung“
85 Prozent aller Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt und ein sehr großer Teil von ihnen nicht durch ambulante Pflegedienste, sondern durch Angehörige. Dies sei politisch so gewollt. Doch gerade weil Angehörige keine ausgebildeten Pflegekräfte und emotional besonders gebunden sind, bestehen Risiken: „Pflege ist in aller Regel ein Marathon und kein Sprint. Hier muss man auf sich aufpassen und Warnsignale frühzeitig erkennen“, sagte Isfort. Denn man verlerne als pflegende Angehörige, auf sich selbst zu achten.
„Zu sagen ,Ich kümmere mich‘ ist ein ganz großer Ausdruck von Wertschätzung und Verantwortungsübernahme“, so Isfort weiter. Aber man könne das in aller Regel nicht allein. Man brauche ein sogenanntes Pflegesetting, eine Kombination aus Leistungen, die von ambulanten Pflegediensten oder Tageseinrichtungen, von anderen Angehörigen oder Personen aus der Nachbarschaft übernommen werden können.
Er verweist im Studiogespräch auf Unterstützungsangebote in akuten Versorgungsfällen: Nach einem Sturz zum Beispiel sollen sich Angehörige an den Sozialdienst des Krankenhauses wenden, um erste Schritte für die häusliche Versorgung zu besprechen. In der Datenbank „Pflegewegweiser NRW“ fänden sich zudem unabhängige Pflegeberatungen in Wohnortnähe.
Auch der Medizinische Dienst, der beim Antrag auf einen Pflegegrad ins Spiel kommt, sei eine kompetente und unabhängige Beratungseinheit. In der Vorbereitung helfen ein Pflegetagebuch und konkrete Fragen, damit der Medizinische Dienst passende Unterstützungsformate und Hilfsmittel empfehlen sowie den angemessenen Pflegegrad festlegen kann.
Angesichts der prognostizierten Anzahl von zukünftig 230.000 Menschen, die als pflegende Angehörige ihre Erwerbstätigkeit deutlich reduzieren werden, thematisierte Isfort auch die damit verbundenen Armutsrisiken. Derzeit gäbe es keine geeigneten Instrumente: Freistellungen oder Arbeitszeitreduzierungen durch Pflege- oder Familienzeit sind möglich. „Aber das wird nicht bezahlt, das heißt, das können sich die Menschen nicht leisten.“ Hinzukommen ausbleibende Renteneinzahlungen. „Hier gibt es eine Verlagerung des Armutsrisikos, des Rentenrisikos auf Frauen.“ Dabei spricht Isfort sich für ein System aus, das pflegenden Angehörigen deutlich zusichert, dass deren Pflegetätigkeit als Rentenleistung anerkannt wird. „Wir müssen viel mehr Aufmerksamkeit darauf richten, dass dies eine riesige gesellschaftliche Leistung ist.“
Text: Holger Walz
Fotos: Screenshots ARD-Mediathek
Zur Sendung in der ARD-Mediathek
Prof. Dr. Michael Isfort
Prorektor für Forschung und Transfer
Köln, Gesundheitswesen