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Wenn die Rückkehr in den Beruf keinem Standardweg folgt

Ein neues Forschungsprojekt untersucht, wer Menschen mit postakutem Infektionssyndrom (PAIS) auf dem Weg zurück ins Arbeitsleben unterstützt und wie die Beteiligten dabei zusammenwirken. „Netzwerkkarten PAIS-T“ verbindet Soziale Arbeit, Rehabilitationswissenschaft und Kommunikationswissenschaft mit Methoden der sozialen Netzwerkforschung.

Das Projektteam: Prof. Dr. Heiko Löwenstein (Projektleitung), Niklas Schulte-Uebbing (Wissenschaftlicher Mitarbeiter) und Carmen Nos (Co-Projektleitung); auf dem Bild fehlt Melina Dresen (WHK)

Postinfektiöse Erkrankungen wie Long COVID und ME/CFS stellen in Deutschland ein wachsendes gesundheitliches, soziales und ökonomisches Problem dar.  

Betroffene schildern ein hohes und anhaltendes Belastungsniveau mit erheblichen sozioökonomischen Folgen (z.B. lange Arbeitsunfähigkeit und selbst getragene Kosten für Diagnostik und Therapie). Charakteristisch für die gesundheitliche und soziale Versorgung sind unkoordinierte Versorgungswege, häufige Arztkontakte sowie lange Wartezeiten. 97 % der Betroffenen bewerteten die aktuelle Versorgungssituation als „schlecht/sehr schlecht“ (vgl. Gloeckl et al. 2025). 

Modellrechnungen des auf Katastrophen- und Risikomodellierung spezialisierten Unternehmens Risklayer und der ME/CFS Research Foundation zufolge lebten Ende 2025 mehr als 1,4 Millionen Menschen in Deutschland mit Long COVID oder ME/CFS. Die dadurch verursachten gesellschaftlichen Kosten schätzen die Autor_innen allein für das Jahr 2025 auf 64,4 Milliarden Euro, was rund 1,44 % des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht (Daniell et al., 2026 / siehe Link unten).

Menschen mit postakutem Infektionssyndrom (PAIS) stehen bei der beruflichen Teilhabe (T) vor besonderen Herausforderungen. Wechselnde Symptome, eingeschränkte Belastbarkeit und häufig unsichtbare Beeinträchtigungen erschweren die Passung mit etablierten Verfahren der beruflichen Reintegration. Da das Arbeitsvolumen eher episodisch statt linear steigerbar ist, ist beispielsweise der klassische Wiedereingliederungsweg des Hamburger Modells oftmals unrealistisch oder scheitert gänzlich.  

Nicht nur einzelne Stationen sind relevant, sondern das Zusammenspiel 

Am Beratungs- und Wiedereingliederungsprozess sind viele Stellen beteiligt: Sozialdienste in Rehakliniken, Haus- und Fachärzt_innen, Fachabteilungen der Deutschen Rentenversicherung (DRV), Krankenkassen, Berufsgenossenschaften, Jobcenter und Arbeitsagenturen, Integrationsfachdienste, Landschaftsverbände, freie und kirchliche Beratungsträger, betriebliche Akteur_innen (BEM) und nicht zuletzt die Selbsthilfe. Hinzu kommen Familie, Freund_innen und Kolleg_innen. Wie dieses Gefüge im Einzelfall zusammenwirkt, ist bislang nicht systematisch untersucht worden, obwohl die Forschung zu Return-to-Work bei Post COVID inzwischen umfangreicher wird. 

Für manche Menschen mit PAIS ist die Rückkehr in den Beruf ein Ziel; für andere dagegen ist sie derzeit nicht vorstellbar. Das Projekt Netzwerkkarten PAIS-T (Postakutes Infektionssyndrom und berufliche Teilhabe) widmet sich den sozialen und strukturellen Herausforderungen der beruflichen Teilhabe, ohne die Realität derjenigen zu übergehen, für die Arbeit aktuell kein Thema sein kann.   

Das Projekt, welches von der DRV Westfalen finanziert wird, erstellt eine netzwerkanalytische Bestandsaufnahme der formellen und informellen Unterstützungsstrukturen in Nordrhein-Westfalen und leitet davon in coproduktiven Transferwerkstätten mit Betroffenen und Expert_innen konkrete Maßnahmen ab.  

Adressiert werden zwei Ebenen und ihr Interagieren

Mikroebene: In Interviews mit Menschen mit postakutem Infektionssyndrom (u.a. Post COVID, ME/CFS, Post Vac) werden ihre personalen Netzwerke, bestehend aus den Unterstützungspersonen, erfasst, die den Weg zurück in den Beruf begleitet haben, ihn aktuell begleiten oder begleiten könnten. Zu ihren Unterstützungsnetzwerken werden Betroffene befragt, die eine Arbeitsaufnahme planen, bereits (unter angepassten Bedingungen) arbeiten, einen Versuch abgebrochen haben oder für sich festgestellt haben, dass die Rückkehrbedingungen derzeit nicht passen. 

Makroebene: Institutionelle Akteur_innen, die Betroffene beraten und begleiten, werden zu ihren Erfahrungen und handlungsleitenden Wissensbeständen im Umgang mit postakuten Infektionssyndromen befragt. Erhoben wird zudem, mit wem sie kooperieren und an wen sie weitervermitteln, wenn Bedarfe über das hinausgehen, was sie selbst leisten können. 

Aus der Zusammenführung beider Ebenen lassen sich Kooperationsmuster und Wissenslogiken, aber auch Versorgungslücken identifizieren. Ein zentrales wissenschaftliches Ergebnis wird eine empirisch fundierte Typenbildung der Kooperationsweisen sein, verknüpft mit den jeweiligen Netzwerkpositionen und den rehabilitationsbezogenen Wissens- und Krankheitsannahmen der institutionellen Akteur_innen. 

Netzwerkforschung an der katho 

Methodisch stützt sich das Vorhaben auf die soziale Netzwerkforschung, welche am Forschungsschwerpunkt Relationale Raum- und Netzwerkstudien (ReNetS) der katho in den vergangenen Jahren intensiv gestärkt und ausgebaut wurde. Der Zugang eignet sich für diese Fragestellung besonders gut, weil er nicht bei einzelnen Institutionen oder einzelnen Biografien stehen bleibt, sondern die Beziehungen zwischen ihnen zum eigentlichen Untersuchungsgegenstand macht: Wer verweist an wen? Wo verdichten sich Kontakte, wo brechen sie ab? Welche Stelle ist gut vernetzt, welche arbeitet isoliert? Solche strukturellen Lücken werden im Alltag der Beratung selten sichtbar, in der Netzwerkanalyse werden sie systematisch erfasst. 

Innovation und Transfer gemeinsam gestalten 

In zwei partizipativ angelegten Transferwerkstätten werden die empirischen Befunde gemeinsam mit Vertreter_innen der Betroffenen, mit institutionellen Akteur_innen und mit dem Projektbeirat interpretiert, kritisch eingeordnet und in Handlungswissen überführt. Das Ziel ist die Entwicklung konkreter Maßnahmen, welche die berufliche Teilhabe von Menschen mit PAIS erleichtern und die Zusammenarbeit von professionellen Diensten wie auch Helfer_innen des sozialen Umfelds unterstützen.  

 

Dieser Projekt wird gefördert durch die DRV Westfalen.

 

 

 

Prof. Dr. Heiko Löwenstein

Prof. Dr. Heiko Löwenstein

Professor

Köln, Sozialwesen

Carmen Nos

Carmen Nos

Co-Leitung Forschungsprojekt "Netzwerkkarten PAIS-T" (Postakutes Infektionssyndrom und berufliche Teilhabe)

Aachen, Sozialwesen, Dezernat I - Allgemeine Verwaltungsangelegenheiten

Niklas Schulte-Uebbing

Niklas Schulte-Uebbing

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt "Netzwerkkarten PAIS-T"

Köln, Sozialwesen

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