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Zweiter Interdisziplinärer Aachener Praxis-Dialog Kinder- und Jugendhilfe

Am 30. Oktober 2026 fand am Standort Aachen der zweite Interdisziplinäre Aachener Praxis-Dialog Kinder- und Jugendhilfe statt. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie eine inklusive Kinder- und Jugendhilfe im Aachener Raum gelingen kann.

Prof. Dr. Maik Sawatzki und Prof. Dr. Lasse Gundelach (v.l.n.r.)

Prof. Dr. Lasse Gundelach

Ein Freitagnachmittag, an dem die Arbeitswoche schon allen in den Knochen steckt, ist nicht unbedingt der naheliegendste Termin für eine Fachdiskussion. Von Freitagsmüdigkeit war an der katho dennoch nichts zu spüren: Nach dem Auftakt im März 2026 hatten Prof. Dr. Maik Sawatzki und Prof. Dr. Lasse Gundelach erneut Fach- und Leitungskräfte der Kinder- und Jugendhilfe aus Aachen und Umgebung eingeladen, und die Veranstaltung war gut besucht. Wie schon beim ersten Praxis-Dialog moderierte Bettina Koß den Nachmittag. Die Leitfrage lautete: Wie gelingt eine inklusive Kinder- und Jugendhilfe im Aachener Raum, und was braucht die Praxis dafür?

Was aus dem ersten Praxis-Dialog geworden ist

Zu Beginn griffen die beiden Professoren die Anliegen auf, die die Praxis im März formuliert hatte. Die Aufträge an die Hochschule werden in den zuständigen Gremien erörtert. Für Praxisanleiterinnen und Praxisanleiter gibt es ab dem Wintersemester Austauschtreffen im Praxisbegleitseminar. Gemeinsam mit Fortbildungsträgern der Region entstehen regelmäßige Fortbildungsangebote zum Kinderschutz. Und weil Kinderschutz schon im März eines der zentralen Anliegen war, ist mit dem Interdisziplinären Kinderschutz-Forum ein weiteres Format hinzugekommen.

Aufbau und Ablauf der Veranstaltung

Drei Inputs gaben den Rahmen für die Diskussion. Prof. Dr. Lasse Gundelach ordnete den Entwurf des Ersten Kinder- und Jugendhilfestrukturreformgesetzes ein, der derzeit im Bundestag beraten wird. Er vertiefte zwei Schwerpunkte: den geplanten Vorrang von Infrastruktur- und Regelangeboten vor individuellen Hilfen und die inklusive Gesamtzuständigkeit der Kinder- und Jugendhilfe. Diese sollte nach dem Kinder- und Jugendstärkungsgesetz ab dem 1. Januar 2028 gelten. Der Entwurf sieht stattdessen eine bis 2032 befristete Erprobung über eine Experimentierklausel vor. Wie es danach weitergeht, ist offen. „Die inklusive Gesamtzuständigkeit ist gesetzlich nicht mehr terminiert“, fasste Gundelach zusammen.

Prof. Dr. Maik Sawatzki widmete sich dem inklusiven Kinderschutz und begann mit einer einfachen, aber grundlegenden Frage: Wer kann in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe eigentlich „Nein“ sagen, und wer wird dabei wie gehört? Internationale Übersichtsarbeiten zeigen, dass Kinder mit Behinderungen ein deutlich erhöhtes Risiko tragen, Gewalt zu erfahren. Für Deutschland fehlen repräsentative Daten. Sawatzki zeigte, wo bei Gefährdungseinschätzungen blinde Flecken entstehen können, wenn junge Menschen mit Beeinträchtigungen betroffen sind, etwa wenn Signale von Unbehagen vorschnell der Behinderung zugeschrieben werden. Zudem stellte er Ergebnisse aus dem BMBF-geförderten Verbundprojekt „Schutzinklusiv“ zu inklusiven Schutzkonzepten vor, darunter zwei kostenfreie Arbeitshilfen für die Praxis. „Inklusiver Kinderschutz ist keine neue Aufgabe. Neu ist, dass wir sie ausdrücklich einlösen müssen – mit Wissen, Instrumenten und Zeit“, so Sawatzki.

Im dritten Input richtete Ruka Berisha, Sozialarbeiterin (B.A.), den Blick auf den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) in der „Großen Lösung“. Anschaulich und fundiert legte sie dar, unter welchem Druck der ASD steht: Fachkräftemangel, Fluktuation, ein hoher Anteil berufsunerfahrener Fachkräfte und steigende Fallzahlen im Kinderschutz. Daraus leitete sie ab, was es braucht, damit inklusiver Kinderschutz dort gelingen kann, unter anderem eine bedarfsgerechte Personalbemessung, fachliche Qualifizierung, Beteiligung junger Menschen und ihrer Eltern, interdisziplinäre Kooperation und eine inklusive Jugendhilfeplanung.

Nach den ersten beiden Inputs tauschten sich die Teilnehmenden im Plenum aus, etwa darüber, wo ihre Einrichtungen und Dienste in der Vorbereitung auf die inklusive Lösung stehen und wie sie die Schnittstelle von Jugendhilfe und Eingliederungshilfe im Kinderschutz erleben.

Ergebnisse und Perspektiven

Die Teilnehmenden machten deutlich, wie wichtig ihnen der Austausch zwischen Hochschule und Praxis ist, und dass sie ihn fortsetzen wollen: interdisziplinär, wissenschaftlich und praxisbezogen. Großes Interesse zeigten sie insbesondere am anstehenden Kinderschutz-Forum.

Das 1. Interdisziplinäre Kinderschutz-Forum findet am Montag, 25. Januar 2027, von 14 bis 16 Uhr am Standort Aachen statt. Dort werden u.a. Fälle aus der Jugendhilfe-Praxis gemeinsam reflektiert, interdisziplinär und wissenschaftlich begleitet. Anmeldungen sind bis zum 10. Januar 2027 über das Anmeldeformular möglich: https://forms.cloud.microsoft/e/30qBKDXUvc. Ein dritter Praxis-Dialog ist in Planung.

Für beide Professoren und Jugendhilfeexperten am Standort Aachen steht fest: Der Praxis-Dialog hat sich als Ort etabliert, an dem Hochschule und Praxis gemeinsam an den Fragen der Kinder- und Jugendhilfe vor Ort arbeiten. Die Hochschule versteht sich dabei weiterhin als Zuhörerin und Partnerin der Praxis.

Prof. Dr. jur. Lasse Gundelach

Kontakt

Prof. Dr. jur. Lasse Gundelach

Professor

Aachen, Sozialwesen

Prof. Dr. phil. Maik Sawatzki

Prof. Dr. phil. Maik Sawatzki

Professor für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit; Schwerpunkte: Kinder- und Jugendhilfe / Beratung

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