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2. Kongress der Teilhabeforschung: Innovative Forschung für ein barrierefreies und gleichberechtigtes Zusammenleben

Über 300 Teilnehmende folgten online dem in Münster moderierten Kongress.

Wissenschaftliche Leitung und Moderator_innen des Kongresses waren (von rechts nach links): Prof. Dr. Friedrich Dieckmann (katho, Münster), Dr. Katrin Grüber (Institut Mensch Ethik Wissenschaft, Berlin), Prof. Dr. Mathilde Niehaus (Universität zu Köln) und Julia Roos (Institut für Teilhabeforschung der katho, Münster).

Julia Roos (links) und Prof. Dr. Mathilde Niehaus moderierten den Kongress.

Rektor Prof. Dr. Hans Hobelsberger begrüßte die Teilnehmer_innen.

Prof. Dr. Sabine Schäper von der katho in Münster (links) und Marie Heide von der Universität Köln (rechts) auf dem Podium über Forschung zur Teilhabe in der Coronapandemie.

Am 15. und 16. September 2021 fand der 2. Kongress der Teilhabeforschung statt – online und moderiert aus dem Hörsaal der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (katho) in Münster. Über 300 Teilnehmer_innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz folgten den Hauptvorträgen und einer Podiumsdiskussion, diskutierten in vier Postersitzungen, sechs Werkstätten und 17 thematischen Foren. Mit über 300 Teilnehmer_innen und 108 Beiträgen ist der Kongress gegenüber seiner Erstausgabe in Berlin weiter gewachsen. Zum ersten Mal nahmen etwa 25 Menschen mit Lernschwierigkeiten teil – auch als Co-Forscher_innen mit eigenen Beiträgen. Eine Übersetzung in Leichte Sprache unterstützte ihre Teilnahme.

Zwischenhead

Der Kongress hat sich zum zentralen Ort des Austausches, der gegenseitigen Standortbestimmung und zu einem Impulsgeber für die Forschung entwickelt. Diese hat das Ziel, die Teilhabe von Menschen mit Behinderung zu verbessern. „Wie sehr die Forschung dabei auf das breite Spektrum der Disziplinen angewiesen ist – eben auch auf die Medizin und technische Fächer – das hat die Corona-Pandemie gezeigt“, so Prof. Friedrich Dieckmann (katho). Zusammen mit Prof. Mathilde Niehaus von der Universität zu Köln leitete er den Kongress. „Wir benötigen zudem Forschung, die die Perspektive von Menschen mit Behinderung und deren An- und Zugehörigen sichtbar macht und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gewinnt.“ In der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Pandemie hätten diese Perspektiven fast keine Rolle gespielt – im Unterschied zum Blick auf ältere Menschen.

Teilhabeforschung in Corona

Die Corona-Pandemie habe für alle deutlich gemacht, wie unzureichend die Gesundheitsberichterstattung in Bezug auf Menschen mit Behinderung in Deutschland sei, so Prof. Sabine Schäper (katho) auf dem von Mathilde Niehaus moderierten Podium. In den multinationalen Pandemie-Studien seien Wissenschaftler_innen aus Deutschland immer noch kaum beteiligt. Schäper berichtete aus ihren Forschungen, wie sehr die Pandemie die Begleitung am Lebensende und palliative Versorgung von Menschen mit Behinderung verändert habe. Marie Heide von der Universität zu Köln illustrierte, welche neuen methodischen Wege in der Teilhabeforschung zu Rehabilitation beschritten worden seien. Marco Streibelt stellte dar, welche Forschungsbedarfe in der Pandemie aus Sicht der Deutschen Rentenversicherung als Fördergeberin im Bereich der Rehabilitation entstanden seien. Eine Abstimmung mit großen Förderinstitutionen (z. B. Bundesministerien), um gemeinsam Pandemie-bezogen Forschung schnell auf den Weg zu bringen, habe es nicht gegeben.

Stigmatisierung abbauen, partizipativ forschen

Ein Überblick über die weltweiten Forschungsbemühungen zum Abbau der Stigmatisierung von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung gab Prof. Katrina Scior vom University College London. Sie unterschied dabei Maßnahmen auf strukturell-gesellschaftlicher Ebene (z. B. zur Durchsetzung von Rechten, Öffentlichkeitskampagnen) von solchen, die das örtliche und familiäre Zusammenleben fokussieren oder Menschen mit Behinderungen selbst befähigen, mit abwertenden Stigmata umzugehen. Die meisten Maßnahmen waren partizipativ, d.h. zusammen mit Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung entwickelt worden, und dadurch überzeugend und effektiv.

Prof. Vera Munde (Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin) und Dr. Vera Tillmann (Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport) zeigten in ihrem Beitrag zum Stand der partizipativen Forschung, welche methodischen Möglichkeiten, aber auch Barrieren bestehen, um sogar Menschen, die sich nicht sprachlich äußern können, an Forschungsvorhaben zu beteiligen. Es wurde deutlich, was zusammen mit Menschen mit Behinderung erprobt wird und wo Herausforderungen liegen. Es sei an der Zeit, auch in Deutschland einen Konsens herzustellen über die strukturellen Bedingungen für Co-Forscher_innen, zum Beispiel über ein Mindestmaß an Entlohnung.

Chancen digitaler Technologien

Prof. Christophe Kunze (Institut Mensch, Technik und Teilhabe der FH Furtwangen) zeigte Wege und Irrwege der Entwicklung digitaler Technologien mit und für Mensch mit Behinderung auf. Die partizipative Entwicklung, die auch die Aneignung technischer Unterstützung durch Menschen mit Beeinträchtigung und ihre Unterstützer_innen zum Gegenstand hat, sei ein Königsweg: Denn so könne man Lösungen entwickeln, die später tatsächlich genutzt werden. Oft verfalle man der Täuschung, durch die neueste Technologie würden sich Probleme wie durch Zauberei (auf)lösen – Beispiel: Pflegeroboter löst Fachkräftemangel. Er sprach sich dafür aus, in der Forschung und Forschungsförderung stärker auf die Nutzung bewährter Mainstreamtechnologien zu setzen.

Prof. Markus Dederich (Universität zu Köln) nahm in seinem Abschlussvortrag Diskussionen zu Rahmentheorien in der Teilhabeforschung auf. Er plädierte dafür, die Perspektive des Subjekts und der Subjektivität nicht zu vernachlässigen. So sei z. B. das Zugehörigkeitsgefühl ein wichtiger Aspekt des Teilhabeerlebens, das aber nicht einfach durch sozialpolitische oder versorgungsbezogene Maßnahmen herstellbar sei. Ähnliches, so mag man einfügen, gilt auch für die Gestaltung inklusiver sozialer Beziehungen. Das Wechselspiel zwischen Teilhabechancen als Handlungsräume und deren Wahrnehmung und Aneignung durch Personengruppen und Individuen bedarf einer weiteren Vertiefung.

Auf dem Kongress war das große Bedürfnis spürbar, sich nach Zeiten der Isolation wieder wissenschaftlich miteinander auseinanderzusetzen – zur Selbstvergewisserung sowie um Impulse zu geben und zu empfangen. Neben der Entwicklung theoretischer Rahmungen und neuer methodischer Pfade (Stichwörter: Entwicklungsforschung, Partizipation, digitale Möglichkeiten), neben dem Gewinn durch Multidisziplinarität wurde deutlich: Eine weitere, auch internationale Vernetzung von Teilhabeforscher_innen ist notwendig, denn gemeinsam könnten sie sozialen Innovationen auch gesellschaftlich zum Durchbruch verhelfen.

Für weitere Informationen:

www.teilhabeforschung.org/kongresse/2021/ueberblick

Prof. Dr. Friedrich Dieckmann, f.dieckmann(at)katho-nrw.de

Institut für Teilhabeforschung Forschung Hochschule katho
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