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| Aachen,

Corona-Pandemie stellt Soziale Kulturarbeit auf harte Probe

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Und jetzt? – Die Covid-19-Pandemie und die Konsequenzen aus der Sicht von Sozialer Arbeit, Gesundheitswesen und Bildungsarbeit der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Aachen, fand am 13. April 2021 eine öffentliche Podiumsdiskussion mit dem Titel Kultur trotz(t) Krise?! – Kulturelle Teilhabe und Teilgabe in Zeiten der Corona-Pandemie statt. Initiiert wurde die Veranstaltung von Prof. Dr. Marion Gerards und Prof. Dr. Damaris Nübel, die mit den Schwerpunkten Musik bzw. Theater/Literatur den Bereich Ästhetik und Kommunikation in der Sozialen Arbeit lehren.

 

Nach Begrüßung der über 120 Teilnehmer_innen und kritischer Einordnung der Thematik durch Dekan Prof. Dr. Martin Spetsmann-Kunkel eröffnete Marion Gerards die Diskussion und stellte eingangs die problematische Situation für Kulturschaffende dar. Vor allem die Soziale (Kultur-)Arbeit sehe sich aufgrund der Corona-Pandemie vor einem großen Problem im Bereich der Kulturellen Bildung. Die Podiumsdiskussion solle daher eine Diskursplattform bieten und einen offenen Erfahrungsaustausch ermöglichen, aus dem mögliche Konsequenzen und Lösungsvorschläge für die Politik formuliert werden könnten.

Damaris Nübel schilderte ihre Sicht der durch die Pandemie bedingten Veränderungen im Bereich der Lehre. Sie betonte die technischen Möglichkeiten und Vorteile der digitalen Lehre, die sich in der Coronazeit herauskristallisiert hätten. Hervorzuheben seien interaktive Onlinetools sowie gemeinsame Lernräume, in denen die Studierenden orts- und zeitunabhängig in Eigenregie lernen können. Die aber in der Theaterarbeit so wichtige Gruppenerfahrung ließe sich im digitalen Raum nicht adäquat abbilden. „Theater basiert,“ so zitiert Nübel die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte, „auf leiblicher Ko-Präsenz.“

Tom Hirtz (DAS DA THEATER, Theaterleiter) schloss sich dieser Einschätzung an. Auch das DAS DA THEATER musste und müsse sich stets auf die neuen Gegebenheiten einstellen. Im Vordergrund stehe in seiner Einrichtung, gerade Kindern und Jugendlichen Theatererlebnisse zu ermöglichen. Durch mobile Angebote in Kitas und Schulen erreiche man auch jene aus bildungsarmen und sozial benachteiligten Schichten. Diese müssten nun auf digitalem Wege für das Medium Theater begeistert werden. Dazu wurde ein digitaler Mitmachworkshop (DAS DA plus) entwickelt und in neue Technik investiert, damit die Einrichtungen das interaktive Onlineangebot per Livestream wahrnehmen können. Theaterstreams, die nicht interaktiv gestaltet sind, sieht Hirtz jedoch kritisch: „Theater ist eine andere Kunstform als der Film. Durch die Nähe zum Publikum schaffen wir eine unmittelbare Sicht auf die Geschichte“, stellt er hierzu fest. Finanziell sei die Situation sehr angespannt. Man erhalte aber viel Unterstützung u. a. von Sponsor_innen und über bundesweite Förderprogramme. Die städtischen Mittel für die sogenannte „freie Szene“ seien allerdings schon seit Jahrzehnten sehr gering. Doch er ist sicher, dass Theater auch über die Pandemie hinaus Bestand haben wird.

Im Namen der Bleiberger Fabrik stellten Birgit Frank und Axel Jansen anschließend die Situation in ihrer Jugendkunstschule dar. Die regelmäßigen Kreativangebote, die das „Herzstück“ der Institution seien, waren aufgrund der Pandemie nahezu unmöglich durchzuführen. Auch wenn Konzepte zur Einhaltung der Hygienemaßnahmen und Richtlinien erstellt wurden, durften viele Angebote seitens der Behörden nicht stattfinden. Auch die Ferienangebote, die eines noch höheren Planungsaufwands bedurften, wurden kurzfristig untersagt. Im Zuge dessen wurde ebenfalls auf digitale Angebote umgeschwenkt: Durch die Einrichtung eines Livestreamstudios war es möglich, interaktive Kreativangebote für Kinder und Jugendliche anzubieten oder gemeinsame Sing- und Spielerunden online einzurichten, um so den Kontakt zu halten. Viele freie Mitarbeiter_innen im künstlerisch-kreativen Bereich hätten sich aus wirtschaftlichen Gründen bereits umorientieren müssen. Seit November 2020 ist die Einrichtung für den Publikumsverkehr vollständig geschlossen. Die Zeit wurde genutzt, um in bauliche Maßnahmen und eine verbesserte technische Infrastruktur zu investieren, um auch nach der Pandemie ein ansprechendes und hochwertiges Angebot auf allen Wegen anbieten zu können. Insgesamt sehe man den Umgang mit Einrichtungen der Kulturellen Bildung kritisch: Vor allem von politischer Seite fehle es an (finanzieller) Unterstützung und Wertschätzung.

Emilene Wopana Mudimu schilderte ihre Alltagssituation im Jugend- und Kulturzentrum KingzCorner. Das Zentrum, das sich vor allem in der Hip-Hop-Kultur verorten lässt, ist finanziell stark von der Pandemie betroffen. Kritisiert werden hier ebenfalls die mangelhaften finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten von staatlicher Seite. Trotz erschwerter Kommunikation mit den Besucher_innen sei es möglich gewesen, die School of Hip-Hop als digitales und teilweise analoges Projektangebot durchzuführen. Im Rahmen dieses Projektes hatten die Besucher_innen die Möglichkeit, in Songtexten, Beats und Graffitimalerei ihre Gefühle zur aktuellen Situation zu verarbeiten und einem breiten Publikum zu präsentieren. Als Herausforderung sieht Mudimu vor allem den Wiederaufbau der durch die Pandemie geschädigten kulturellen und institutionellen Infrastruktur. Ein Wegbrechen vieler wichtiger Kulturinstitutionen sei zu befürchten.

ChorSonant, der inklusive Chor des Vinzenz-Heims Aachen und der katho, wird geleitet von Guiomar Marques-Ranke, die berichtete, dass es auch für den Chor seit Ausbruch der Pandemie im März 2020 kaum möglich gewesen sei, Musik gemeinsam zu erleben. Zwar wurden zu Beginn digitale Lösungswege konzipiert, die aber langfristig nicht aufrechtzuerhalten waren. Besonders die schwierige digitale Infrastruktur für die Sänger_innen des Vinzenz-Heims erschwerten das Kontakthalten und das gemeinsame kreative Arbeiten sehr, weswegen der Chor nun auch seit längerer Zeit nicht mehr zusammenarbeiten konnte.

Zum Schluss ergab sich die Diskussionsfrage, welche kulturpolitischen Konsequenzen sich aus den dargestellten Problemlagen formulieren ließen: So wurde unter anderem die Idee eines Kulturentwicklungsplans diskutiert. Hierzu solle in den politischen Gremien eine klare Bedarfsermittlung („Was wollen wir? Was haben wir? Wer kann was leisten?“) erfolgen und daraus konkrete Lösungsansätze formuliert werden. Dieser Plan solle vor allem von städtischer Seite finanzielle Unterstützung erfahren, um Kulturelle Bildung auch in Krisenzeiten und darüber hinaus zu gewährleisten.

 

Alles in allem zeigte der rege und authentische Austausch, dass Kulturelle Bildung ein wichtiger Bestandteil für die Entwicklung junger Menschen ist, der weiter gefördert und größere Wertschätzung erfahren sollte. Allen voran sei hier die Politik in die Verantwortung zu nehmen, finanzielle Unterstützung zu gewährleisten und damit kulturelle Teilhabe und Teilgabe zu ermöglichen.

Ein im Anschluss an die Podiumsdiskussion geplantes Gastspiel des DAS DA Theaters in der Aula der katho musste pandemiebedingt auf Oktober 2021 verschoben werden. Stattdessen bestand die Möglichkeit, mit „Steppenwolf“ sowie „entweder und“ zwei Produktionen des Jungen Ensembles Stuttgart (JES) als Stream kennenzulernen.

 

Das Thema wird weiterverfolgt, und zwar beim nächsten Treffen des ZÄSKO (Zentrum für Ästhetik & Kommunikation), das am 01.06.2021, 17.00–18.30 Uhr, per Webex-Meeting stattfinden wird.

Die Zugangsdaten zum Webex-Meeting werden Ihnen nach Anmeldung bei Elisa Bongard (elisa.bongard(at)mail.katho-nrw.de) per Mail zugesandt.

 

Bericht: Elisa Bongard / Luca Esser

Kontakt: d.nuebel(at)katho-nrw.de / m.gerards(at)katho-nrw.de

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