„Das fast normale Leben“: ASD-Vertiefungsspur im Kino
Über zwei Jahre hinweg begleitet der bundesweit am 22. Januar 2026 startende Film vier Mädchen in einer Wohngruppe der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Im Mittelpunkt stehen ihre biografischen Brüche, Krisen und ihr Ringen um Anerkennung, Selbstbestimmung und Zugehörigkeit. Zugleich macht die Dokumentation die alltäglichen Aushandlungen von Beziehung, Kontrolle und Unterstützung innerhalb institutioneller Kontexte sichtbar.
Im Rahmen des Projekts „Vertiefungsspur ASD“ besuchten Prof.in Dr.in Judith Haase, Sandra Peters und Lino Tinnefeld gemeinsam mit zahlreichen Studierenden die Vorführung im Schlosstheater Münster. Für die Studierenden eröffnete der Film einen eindrücklichen Zugang zur Lebenswelt junger Menschen in stationären Hilfen und zahlreiche Anknüpfungspunkte zu zentralen Fragen Sozialer Arbeit: Beziehungsarbeit im Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle, institutionelle Rahmenbedingungen, Übergänge wie der Einzug in eine Wohngruppe, berufliche Perspektivplanung sowie Rückkehrperspektiven in die Herkunftsfamilie. Darüber hinaus berührt die Dokumentation Themen wie Agency, Vulnerabilität und Resilienz ebenso wie Konstruktionen von „Normalität“ und die damit verbundenen normativen Erwartungen an Kinder und Jugendliche in der Kinder- und Jugendhilfe.
Gespräch mit dem Regisseur
Im anschließenden Gespräch mit dem Regisseur Stefan Sick und Michael Kaiser, Geschäftsführer der St. Mauritz Kinder- und Jugendhilfe, wurde der Film im Kontext aktueller sozialpädagogischer, fachpolitischer und zivilgesellschaftlicher Diskurse kontrovers diskutiert. Deutlich wurde, dass „Das fast normale Leben“ weniger als repräsentative Bewertung stationärer Kinder- und Jugendhilfe zu verstehen ist, sondern als Ausgangspunkt fachlicher Reflexion: über professionelle Verantwortung, strukturelle Bedingungen des Aufwachsens außerhalb der Herkunftsfamilie und die Notwendigkeit, Perspektiven junger Menschen stärker in den Mittelpunkt von Praxis, Ausbildung und Organisation zu rücken. Für die Lehre der Sozialen Arbeit bietet der Film damit einen wertvollen Impuls, Fragen des Kinderschutzes, der Partizipation und institutioneller Machtverhältnisse theoriegeleitet und praxisnah zu diskutieren.
Kritisiert wurde durch das Publikum, dass der Film ohne eine solche fachliche Einordnung ein paternalistisch verzerrtes Bild sozialpädagogischer Ansprüche und Qualität in stationären Hilfen zeige. Gefragt wurde, inwiefern es ethisch verantwortbar sei, die gefilmten Kinder und Jugendlichen einer Öffentlichkeit auszusetzen.
Debatte über Schutzkonzepte in Wohngruppen
Der Film löste darüber hinaus öffentliche Debatten über Schutzkonzepte in Wohngruppen aus, unter anderem durch Proteste und Stellungnahmen von Care-Leaver-Initiativen und Selbstvertretungen. Diese verweisen auf strukturelle Defizite der stationären Kinder- und Jugendhilfe – insbesondere auf Machtasymmetrien, unzureichende Beteiligungsmöglichkeiten, fehlende Schutzkonzepte und mangelhafte Beschwerdestrukturen. Kritiker_innen betonen, dass solche Defizite durch Dokumentationen wie „Das fast normale Leben“ reproduziert und die betroffenen jungen Menschen dadurch potenziell nachhaltig verletzt werden könnten. Positive Darstellungen gelingender Beziehungen dürften nicht darüber hinwegtäuschen, dass Risiken von Gewalt und Grenzverletzungen in institutionellen Settings systematisch adressiert werden müssen.
KONTAKT
Lino Tinnefeld
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt "Vertiefungsspur ASD"
Münster, Sozialwesen