Fachtagung „Quo vadis, Suchtkrankenhilfe?“ führt vielfältige Disziplinen und Perspektiven zusammen
Prof. Dr. Ulrich Frischknecht (katho) moderierte die Fachtagung anlässlich des des 25-jährigen Bestehens der dg sps. Neben ihm PD Dr. Felix Müller (Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel).
Nach den Grußworten von Melany Richter, Leiterin des Referats für Prävention, Psychische Gesundheit und Sucht am Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW und von Dr. Gallus Bischof, dem Präsidenten der Fachgesellschaft, begann der Fachtag. Beide betonten, wie wichtig die Verzahnung von Wissenschaft und Praxis sowie die kritische Auseinandersetzung mit den teils dogmenhaften Paradigmen für die Suchtkrankenhilfe ist und bleibt.
In seinem Eröffnungsvortrag warf Dipl.-Psych. Michael Müller-Mohnssen einen Blick zurück auf die 25-jährige Geschichte der Fachgesellschaft und verortete die Vereinsgründung historisch. Er verdeutlichte die Fortschritte in der Versorgung von Menschen mit Suchtstörungen, auf die von Fachgesellschaftsseite her hingewirkt wurde, insbesondere auf die – wenn auch geringen – Verbesserungen in der Richtlinienpsychotherapie. An dieser Stelle sei den für die deutsche Suchtforschung und Suchtpraxis herausragenden Persönlichkeiten herzlich für ihr Engagement gedankt, die die Fachgesellschaft und ihren Beitrag über die Jahre mitgestalteten. Um nur einige zu nennen: Johannes Lindenmeyer, Wilma Funke, Michael Klein, Fred Rist, Peter Missel, Angela Buchholz, Gallus Bischof und viele mehr.
In seinem anschließenden Vortrag zum Thema „KI in der Suchthilfe“ führte Prof. Dr. Martin Wallroth (FH Münster) eine philosophische und ethische Grundlage aus, die in dieser brandaktuellen Debatte oft zu wenig berücksichtigt wird. Was ist das „Intelligente“ an Künstlicher Intelligenz? Entspricht die Verwendung dieses Begriffs nicht einer Abwertung der „menschlichen Intelligenz“, da hier ein hochformalistischer Begriff von Intelligenz, der vermutlich aus überbordenden Bürokratiebemühungen stammt, die intellektuelle Leistung von Menschen auf bloßes regelbasiertes Lernen reduziert? Eine solche „Plastiksprache“ ermöglicht erst die breitflächige Anerkennung einer Norm, die es KI-Chatbots ermöglicht, als Ersatz für menschliche Interaktion zu dienen. Eine Auseinandersetzung damit wird auch im Potsdamer Memorandum gefordert, jedoch zu wenig geführt.
(Fortsetzung nach der Bildergalerie)
Nachfolgend verdeutlichte Prof.in Dr.in Diana Moesgen (katho) in ihrem umfassenden Überblicksvortrag die gesellschaftliche Relevanz, die Suchtprobleme weit über die daran Erkrankten hinaus hat, nämlich mindestens auf das soziale Nahfeld, sei es in Familie, unter Freund_innen und Bekannten oder unter Kolleg_innen und Mitarbeitenden. Ihr Fokus lag auf der hochvulnerablen Gruppe der Kinder, die in einem von Suchtproblemen betroffenen Elternhaus aufwachsen. Neben Modellen zur Erklärung des Angehörigenverhaltens, die Risiko- und Resilienzaspekte für die kindliche Belastung berücksichtigen, stellte sie auch bereits entwickelte, jedoch noch nicht flächendeckend verfügbare Programme für suchtkranke Eltern und deren Kinder vor. Dabei betonte sie die Notwendigkeit der Verstetigung und Verbreitung solcher Angebote in der Suchtkrankenhilfe ebenso wie die hierfür bedeutsame interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Nach der Mittagspause stellte PD Dr. Felix Müller vom Uniklinikum Basel die psychedelika-assistierte Therapie von Abhängigkeitserkrankungen vor. Er stellte heraus, dass nicht das Psychedelikum selbst die therapeutischen Effekte erzielt, sondern nur in der Interaktion mit einem sinnvoll gestalteten Einnahmeumfeld im Rahmen einer hochspezifischen Therapie. Zudem wies er auf die Überlegenheit gegenüber Placebo in einigen Untersuchungen hin. Er benannte forschungsspezifische Probleme wie Probandenselektion und schwer herzustellende Placeboeffekte, aber auch die Notwendigkeit für die aktuell stattfindenden weiteren Untersuchungen dieses lange durch prohibitive Gesetzgebungen unterbundenen Therapiepotentials.
Im letzten Vortrag zum Thema Gender und Sucht wies Prof.in Dr.in Irmgard Vogt (University of Applied Sciences Frankfurt, emer.), aufbauend auf dem historisch dunkelsten Kapitel der Suchthilfe im deutschen Nationalsozialismus, darauf hin, dass das Thema Sexualität in der Suchtberatung und -behandlung deutlich zu kurz kommt. Dabei wird nicht nur das Geschlecht, das zumindest in der binären Logik seit Jahrzehnten in einzelnen Einrichtungen berücksichtigt wird, sondern auch sexuelle Orientierung und sexuelles Erleben selten thematisiert. Gerade vor dem Hintergrund der zwischen den Geschlechtern unterschiedlichen Erfahrungen mit Gewalt und Vernachlässigung hält sie dies für einen zu korrigierenden Mangel. Insgesamt bescheinigt Irmgard Vogt dem Suchthilfesystem eine gute Ausdifferenzierung. Sie verweist jedoch auf das wichtige Problem von Stigmatisierung, auch wenn sie Bemühungen aus dem Engagement von Suchterfahrenen zuversichtlich stimmen. So begrüßt sie besonders, dass etwa der Recovery-Walk, der 2025 erstmals in Leipzig stattfand, nächstes Jahr in NRW fortgesetzt werden soll.
In der abschließenden Diskussion zur Zukunft der Suchtkrankenversorgung, an der Frank Happel (Fachausschuss Suchtselbsthilfe NRW), PD Dr.in Angela Buchholz (Vizepräsidentin der DGSP), Prof. Dr. Daniel Deimel (TH Nürnberg), Dipl. Psych. Wolfgang Schreck (Bundespsychotherapeutenkammer) und Dr.in Deborah Scholz-Hehn (DG Suchtmedizin) teilnahmen, wurden Nachwuchssorgen auf allen Ebenen thematisiert. Diese werden durch strukturelle Bedingungen verstärkt und stellen eine Hauptbarriere dar, um das aktuelle System aufrechtzuerhalten, geschweige denn es zu verbessern und somit für die Vielfalt der Probleme auch vielfältigere Angebote bereitzustellen. Auch die Versäulung der Hilfesysteme gegenüber anderen Hilfesystemen, wie etwa der Aids-Hilfe, in der immerhin über Sexualität gesprochen wird, aber auch innerhalb der Suchthilfe durch die Vielzahl unterschiedlicher Interessensvertreter, wurde als überwindenswert angesehen. Auch die in weiten Teilen der Hilfen bereits praktizierte Abkehr von ausschließlichen Therapiezielen, wie etwa die Abstinenz, wurde als weiter ausbaufähig betont und sollte durch Strukturen gefördert werden. In einer Diskussion, die sich überwiegend den Problemen bzw. Herausforderungen widmete, schloss Frank Happel als Betroffenenvertretung mit einem zuversichtlich stimmenden Schlusswort: „Ich habe den Eindruck, dass sich gesamtgesellschaftlich etwas ändert!“
Ein besonderer Dank gilt der katho und dem dort ansässigen Deutschen Institut für Sucht- und Präventionsforschung sowie dem Bundesministerium für Gesundheit für die finanzielle Förderung des Fachtags. Dadurch wurde eine Kinderbetreuung durch Leo-Kinderevents ermöglicht, die dankend angenommen wurde. So konnten auch Eltern in Care-Tätigkeit an dieser Fortbildungsveranstaltung teilnehmen.
KONTAKT
Prof. Dr. Ulrich Frischknecht
Professur für Sucht und Persönlichkeitspsychologie
Köln, Sozialwesen