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| Münster,

„Let's Talk About Sex" - Teilhabekolloquium behandelt Tabuthema in der stationären Altenhilfe

Im letzten Teilhabekolloquium des Instituts für Teilhabeforschung mit dem Titel „Let’s Talk About Sex – Sexualität im Kontext von stationären Altenhilfeeinrichtungen“ präsentierte Prof.in Dr.in Julia Steinfort spannende Ergebnisse aus ihrer Forschungsarbeit zur Ermöglichung von Sexualität und Intimität in Pflegeheimen.

Das Institut für Teilhabeforschung veranstaltet zweimal pro Semester das Teilhabekolloquium als Austauschformat zu aktuellen Forschungsergebnissen in der Teilhabeforschung.

Prof.in Dr.in Julia Steinfort war live per Videokonferenz aus Köln zugeschaltet.

Die von der Korian Stiftung herausgegebene Broschüre "Let's Talk About Sex" konnten die Teilnehmenden des Kolloquiums mit nach Hause nehmen.

Zu Beginn des Kolloquiums teilte die Referentin Steinfort ihre persönliche Motivation für das vorgestellte Forschungsprojekt. Nach einer Publikation über sexualisierte Gewalt in Pflegeeinrichtungen, entstand bei ihr der bewusste Impuls, den Gegenpol in den Blick zu nehmen: weg von der reinen Gefahrenabwehr, hin zu einer Ermöglichungsperspektive.

Intimität im Alter: Nähe und Berührung bleiben wichtig

Denn das Bedürfnis nach Intimität, Nähe und Berührung hört im Alter nicht auf. Im Gegenteil: Es ist bis ins hohe Alter ein zentraler Baustein menschlicher Gesundheit und Lebensqualität. Das gilt explizit auch für Menschen mit einer Demenzerkrankung. Wie divers das Liebesleben im Alter ist, untermauerte Steinfort mit Daten der Berliner Altersstudie II (BASE-II) für Menschen über 60: Zwar nehmen sexuelle Aktivitäten im Schnitt ab, das Bedürfnis nach Intimität bleibt jedoch genauso hoch wie bei jungen Menschen – und ein Drittel der über 60-Jährigen ist sogar aktiver als der Durchschnitt der jungen Menschen.

Erkenntnisse aus der Praxis: Was Pflegeheime jetzt brauchen

Im Zentrum des Vortrags standen zwei aufeinander aufbauende Forschungsprojekte, die Prof.in Steinfort zwischen 2022 und 2024 gemeinsam mit Masterstudierenden der katho Köln durchgeführt hat. In der ersten Phase wurden 21 Einzel- und Fokusgruppeninterviews geführt. Die zentralen Erkenntnisse, die durch eindrückliche Zitate aus den Interviews verdeutlicht wurden, zeigen, wo die Hebel für eine Verbesserung der Praxis liegen:

Stigmatisierung abbauen

„[Kann] man es vielleicht auch irgendwie, ich sag mal, fördern (…), die sexuelle Aufklärung im Alter. Dass eben dieser (--) dieser Ekelgedanke wegkommt“ (Zitat Bewohner_in)

Sexuelle Aktivität im Alter ist nach wie vor schambesetzt – sowohl durch gesellschaftliche Vorurteile als auch durch die Betroffenen selbst.

Aktive Kommunikation

„Also der Schutz wird häufiger diskutiert als die Ermöglichung“ (Zitat Fachkraft)

Die aktive Thematisierung durch die Fachkräfte ist die Voraussetzung dafür, dass Bewohner_innen sich überhaupt trauen, ihre Bedürfnisse zu äußern.

Privatsphäre sichern

„Ich hab‘ da außen einen Zettel hingehängt … und da hab‘ ich schon a paar Mal beim Chef g’sagt, des is‘ der einzige Raum, wo ich mich zurückziehen kann“ (Zitat Bewohner_in)

Private, ungestörte Rückzugsorte in den Einrichtungen müssen dringend ausgebaut werden.

Biografische Sozialisation

„Nein, da wurde nichts darüber gesprochen … das war tabu“ (Zitat Bewohner_in)

→ Die heutige Generation in den Pflegeheimen ist in einer Zeit aufgewachsen, in der über Sexualität geschwiegen wurde. Das prägt ihr Verhalten bis heute.

Im zweiten Projekt wurde dann auf Basis dieser Daten ein Prototyp für eine Praxisintervention entwickelt. Mithilfe von Expert_inneninterviews entstand so die stark nachgefragte Broschüre „Let’s Talk About Sex – Sexualität im Kontext von Pflegeheimen“, die von der Korian Stiftung veröffentlicht wurde.

Lebhafte Diskussion: Praxiserfahrungen zum Umgang mit Sexualität im Pflegeheim

Die Studienergebnisse lösten in der anschließenden Runde einen intensiven Austausch aus. Viele Teilnehmende fanden eigene Praxiserfahrungen in den Daten wieder. 

Es entwickelte sich eine facettenreiche Debatte, unter anderem zu folgenden Fragen:

  • Wie gehen Fachkräfte unterschiedlichen Alters mit dem Thema der professionellen Nähe und Distanz um, insbesondere auch im Hinblick auf Körperkontakt und Berührungen?
  • Wie sieht die Einrichtungskultur im Umgang mit Partnerschaften aus – besonders, wenn nur ein Partner ins Heim zieht?
  • Welche Rolle kann eine professionelle Sexualassistenz spielen? Gibt es auch männliche Sexualassistenten?
  • Wie präsent und willkommen sind verschiedene sexuelle Orientierungen und Queerness in den Institutionen?

Sexualität im Alter in der stationären Pflege: Mut, Offenheit und klare Konzepte

Das Kolloquium hat eindrücklich gezeigt, dass es einen großen Bedarf einer positiven Thematisierung von Sexualität im Alter in der stationären Pflegepraxis gibt – und dass es Mut, Offenheit und klare Konzepte braucht, um der sexuellen Selbstbestimmung im Alter den Raum zu geben, den sie braucht.

Prof.in Dr.in Julia Steinfort bringt ihre Expertise aktuell auch auf bundespolitischer Ebene ein: Sie arbeitet derzeit am 10. Altersbericht der Bundesregierung mit, der sich dem Schwerpunkt „Bildung im Alter“ widmet.

Wir bedanken uns herzlich bei Prof.in Dr.in Steinfort für die wichtigen Impulse und bei allen Gästen für den gewinnbringenden und offenen Austausch!

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