Neues CARS Working Paper über das Verhältnis von Antisemitismus und Rassismus
Der Beitrag wendet sich gegen zwei gegenläufige Tendenzen der jüngeren Antisemitismusforschung. Auf der einen Seite steht die nominalistische Position von David Engel, der den Antisemitismusbegriff wegen der Disparität der unter ihm zusammengefassten Phänomene aufgeben und durch präzisere, kontextbezogene Begriffe ersetzen will. Auf der anderen Seite steht die sogenannte Kontinuumsthese, die Antisemitismus in ein Kontinuum rassistischer Entmenschlichung einordnet.
Demgegenüber plädiert der Beitrag für ein hermeneutisch fundiertes Antisemitismusverständnis, das auf die semantische Struktur antijüdischer Ausdrucksgestalten abhebt. Diese Struktur umfasst zwei epochenübergreifende Kernelemente: zum einen die Figur des Dritten als eine fundamental asymmetrische Fremdgruppenkonstruktion, zum anderen ein verschwörungstheoretisches Erklärungsmuster, das in der Vorstellung des Juden als teuflischem Dritten kulminiert.
Von diesem Kern aus wird die Subsumtion unter den Rassismusbegriff als gegenstandsinadäquat zurückgewiesen, ohne semantische Überschneidungen (etwa mit antiziganistischen Zuschreibungen) aus dem Blick zu verlieren.
Der Autor
Dr. Sven Ellmers ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Universität Oldenburg. Zuletzt erschienen: „Kulturelle Konstante oder Bruch? Judenfeindschaft vor und in der Moderne, Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien [CARS] an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, CARS Working Papers 41, Aachen, DOI: https://doi.org/10.17883/6446 sowie „Moralkritik und normative Ethik bei Marx“, in: Alexander Max Bauer und Helena Esther Grass (2024): Oldenburger Jahrbuch für Philosophie 2021/2022, Oldenburg, 167–213.