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| Münster,

(Sozial-)konstruktivistische Ansätze haben hohe Relevanz für professionelles Handeln: Bericht vom Fachtag mit Studierenden und Expert_innen am 12.06.2021

Welche Bedeutung haben (sozial-)konstruktivistische Ansätze der Soziologie für die Soziale Arbeit, Kindheitspädagogik und Heilpädagogik? Dieser Frage wurde am 12. Juni 2021 in einem digitalen Fachtag mit 100 Teilnehmenden und mit Fokus auf die Themen Individualität, Geschlechterverhältnisse und Rassismuskritik nachgegangen. Der Fachtag ist Teil eines kooperativen Lehrangebots, das im Sommersemester 2021 an den Abteilungen Münster und Paderborn (Fachbereich Sozialwesen) in Form von drei Seminaren in Modul 13 „Gesellschaftliche Grundlagen und Rahmenbedingungen“ stattfindet.

Die Veranstalter_innen des Fachtags Prof. Dr. Judith Conrads (Abt. Münster), Prof. Dr. Grit Höppner (Abt. Münster) und Prof. Dr. Marc Breuer (Abt. Paderborn) erläuterten zunächst, wie die Idee zu einem gemeinsamen Fachtag entstanden ist, und führten dann inhaltlich in den Fachtag ein. So zeigt sich die Notwendigkeit von soziologischen Zugängen für die professionelle Praxis etwa in einer Blickwinkelverschiebung von persönlichen Problematiken hin zu gesellschaftlichen Zusammenhängen in der Entstehung und Aufrechterhaltung von sozialen Problemen.

Im ersten Panel „Individuen und Gesellschaft“ referierte Prof. Dr. Albert Scherr (Freiburg) zur Bedeutung von Sozialer Arbeit als eine gesellschaftliche Reaktion auf gesellschaftlich bedingte Risiken und Probleme der Lebensführung. Mittels des operativen Konstruktivismus im Sinne Luhmanns problematisierte er, inwiefern Individuen in bestimmten Soziallagen als unterstützungsbedürftig gelten. Davon ausgehend zeigte er, welche Zuständigkeiten aus diesen Konstruktionen für die Soziale Arbeit (und ähnlich für Kindheits- und Heilpädagogik) resultieren. Diese Konstruktionen seien nicht beliebig, sondern empirisch belegt und vielfach in der Gesellschaft als moralisch bedeutend angesehen. Zudem wies er darauf hin, dass die Frage nach der Relevanz von Soziologie für die Soziale Arbeit eine spezifisch deutsche Diskussion ist, die in anderen Ländern aufgrund von differierenden Selbstverständnissen und institutionellen Zuordnungen so nicht gestellt werde.

Im zweiten Panel „Geschlechterverhältnisse“ fragte Dr. Claudia Wallner (Münster) danach, wie Geschlechterverhältnisse verstanden werden können und warum sie für pädagogisches Arbeiten bedeutsam sind. Anhand von praktischen Beispielen verdeutlichte sie zunächst die Allgegenwärtigkeit von polarisierten Geschlechterkonstruktionen im Alltag und damit einhergehende Hierarchisierungen. Anhand der Differenzierung in Körpergeschlecht, Gender, Körperwissen und Liebensweisen arbeitete sie anschließend Anknüpfungspunkte für eine geschlechtergerechte Pädagogik heraus, die geschlechtsspezifische Lebensweisen ebenso berücksichtigen wie sie einschränkende Zuschreibungen zurückweisen und strukturelle Ungleichheiten und Benachteiligungen abzubauen helfen sollte.

Im dritten Panel „(Anti-)Rassismusforschung“ verdeutlichte Dr. Denise Bergold-Caldwell (Marburg) die Notwendigkeit, Rassismus als ein intersektionales Machtgeschehen zu denken. Ausgehend von Interviewergebnissen verdeutlichte sie, dass Rassismus tiefe historische Wurzeln hat, bis heute eng verwoben mit ökonomischen Bedingungen ist und massive Ausschlüsse bewirkt, die von der psychisch-körperlichen über die zwischenmenschliche und institutionelle bis hin zur symbolisch-kulturellen Ebene reichen. Soziale Arbeit sollte nicht nur Betroffene unterstützen und weitere sensibilisierende Bildungsangebote entwickeln und durchführen, sondern auch Machtverhältnisse fokussieren und sich gegen rassismusfördernde Strukturen etwa im Bildungssystem zur Wehr setzen.

In der Abschlussdiskussion trugen Studierende und Dozierende ihre Erkenntnisse aus dem Fachtag zusammen. Hervorgehoben wurde der Konstruktionscharakter von sozialen Phänomenen, die oft so selbstverständlich erscheinen, tatsächlich jedoch Produkte von historischen, politischen und wissenschaftlichen Aushandlungsprozessen sowie gesellschaftlichen Macht- und Ungleichheitsverhältnissen sind. Die Wirkmächtigkeit von Sprache wurde ebenso problematisiert wie die Notwendigkeit, eine inklusive Sprache zu finden, die diskriminierende Strukturen nicht reproduziert. Schließlich wurde deutlich, dass (sozial-)konstruktivistische Ansätze dazu beitragen können, eigene Denkmuster kritisch zu hinterfragen, das eigene Handeln zu reflektieren und Veränderungen in Denk-, Sprech- und Handlungsweisen anzuregen.

Für weitere Informationen:
Prof. Dr. Marc Breuer, m.breuer(at)katho-nrw.de
Prof. Dr. Grit Höppner, g.hoeppner(at)katho-nrw.de
Prof. Dr. Judith Conrads, j.conrads(at)katho-nrw.de

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