Soziale Isolation im Alter: Studentinnen erforschen Lebenslagen im ländlichen Raum
Begleitet wurden die Studentinnen von Prof. Dr. Martin Spetsmann-Kunkel. Die Fragestellung wurde aus der Praxis einer ländlichen Gemeinde im belgisch-deutschen Grenzgebiet an die Hochschule herangetragen und von den Studentinnen in einem mehrgliedrigen Forschungsdesign mithilfe der Delphi-Methode mit mehreren Erhebungswellen bearbeitet. Prof. em. Dr. Ulrich Deller betreute die Studierenden von Seiten der Praxis.
Ausgangspunkt des Projekts waren konkrete Beobachtungen der Gemeindeverwaltung im Rahmen der Auslieferung mobiler Mahlzeiten für ältere Menschen. Die Mitarbeiter_innen berichteten zunehmend von Senior_innen, die sozial isoliert wirkten: Viele warteten bereits am Fenster auf die Lieferung des Mittagstisches, suchten das Gespräch und vermittelten den Eindruck, froh zu sein, jemanden zu sehen und sprechen zu können.
Soziale Isolation ist multifaktoriell
Die Untersuchung nahm vor diesem Hintergrund Faktoren in den Blick, die soziale Isolation begünstigen und gesellschaftliche Teilhabe im Alter einschränken. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass soziale Isolation aus einem Zusammenspiel individueller, sozialer und infrastruktureller Faktoren entsteht. Besonders relevant sind eingeschränkte Mobilität, Pflegebedürftigkeit, der Verlust von Partner_innen, das Leben in abgelegenen ländlichen Strukturen sowie fehlende digitale Kompetenzen. Zudem wurde deutlich, dass soziale Teilhabe nicht allein durch das Vorhandensein von Angeboten gewährleistet ist, sondern maßgeblich von deren Zugänglichkeit, Bedürfnisorientierung und sozialer Anschlussfähigkeit abhängt:
„Die Senioren wissen am besten, was die brauchen […] Ja, weil wenn sich jemand einen tollen Mittagstisch ausdenkt und da ist kein Kompott dabei, ja, dann ist Katastrophe. Und dann weiß man, ah ja, die Senioren lieben Kompott, das heißt es muss dabei ein Kompott sein. Und das ist ja gut so.“
Das Zitat aus dem Interview einer befragten Fachkraft (zweite Befragungswelle) zeigt, was den Forscherinnen im Gedächtnis geblieben ist, da es sehr plakativ darstellt, was soziale Teilhabe bedeutet. Denn soziale und gesellschaftliche Angebote sollten gemeinsam mit den Senior_innen geplant werden und nicht an deren Bedürfnissen vorbeigehen.
Aus dem Master Bildung & Teilhabe in die Praxis
Die mittlerweile ehemaligen Studentinnen, alle drei sind bereits in der Praxis tätig, resümieren ihre Arbeit am Projekt:
„Gerade der mehrgliedrige Prozess hat uns viel mitgegeben – nicht nur inhaltlich im Hinblick auf soziale Isolation älterer Menschen im ländlichen Raum, sondern auch mit Blick auf Forschung im Feld und die Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis. Umso mehr freuen wir uns, dass unsere Ergebnisse nun im Sammelband veröffentlicht wurden.“
Elisa Bongard arbeitet in der stationären Jugendhilfe. Die Wohngruppe liegt in einer ähnlichen Region wie die untersuchte Gemeinde. Auch Albina Krasniqi ist in einer vergleichbaren Region tätig und berät als Case Managerin im Kommunalen Integrationszentrum Menschen mit Fluchtbiografie. Beide berichten, dass sie die Erkenntnisse über die örtlichen Gegebenheiten der ländlichen Region in ihrer Arbeit, auch für die unterschiedlichen Zielgruppen, nutzen können. Lea Pauls arbeitet in einer Selbsthilfe-Kontaktstelle und berät Menschen zu den bestehenden Angeboten oder unterstützt sie dabei, eine eigene Gruppe ins Leben zu rufen. Hierbei hat sie auch bereits eine Gruppe Senior_innen bei der Gründung einer Selbsthilfegruppe gegen Einsamkeit begleitet. Das Wissen aus der Forschung hat ihr eine neue Perspektive auf diese Zielgruppe eröffnet.
Praxisnahe Forschung für die Soziale Arbeit von Relevanz
Die Veröffentlichung der Ergebnisse im Sammelband „Ältere Menschen in prekären Lebenslagen“ unterstreicht den hohen Stellenwert praxisnaher Forschung im Studium der Sozialen Arbeit und leistet einen Beitrag zur fachlichen Auseinandersetzung mit prekären Lebenslagen älterer Menschen im ländlichen Raum.