Christliche und muslimische Ansätze Sozialer Arbeit im Gespräch
Wenn Religion im Leben von Klient_innen Sozialer Arbeit eine Rolle spielt – und das tut sie vielfach –, dann muss sie auch für die Fachkräfte eine Rolle spielen, die in sozialen Diensten mit Menschen in schwierigen sozialen Lebenslagen zu tun haben. Was das aus muslimischer Perspektive konkret heißen kann, darüber diskutierte der islamische Theologe Prof. Dr. Mouhanad Khorchide am 11. Februar 2026 an der katho am Standort Münster mit Studierenden der Sozialen Arbeit und Heilpädagogik und Fachkräften aus der sozialen und pastoralen Praxis.
Auf Einladung von Prof.in Dr.in Andrea Tafferner von der katho und Sozialarbeiter Bernhard Mülbrecht von der Bischof-Hermann-Stiftung befasste sich das diesjährige „Kontaktseminar Option für die Armen“ mit Menschen, die mit ihren Bedarfen eher unsichtbar bleiben. Viele kennen ihre Rechte nicht oder haben äußere Abwertungen so internalisiert, dass sie die ihnen zustehenden Leistungen wie Rentenzahlungen oder Bürgergeld nicht in Anspruch nehmen. Über ihre Not hört man in der Öffentlichkeit kaum etwas. „Religion kann helfen, resilient gegenüber Erfahrungen persönlicher Abwertung zu werden“, so Khorchide. „Achtsames Beten kann unser Selbstbewusstsein stärken.“ Basierend auf Liebe und Barmherzigkeit schenke der muslimische Glaube jedem Menschen Würde und das Zutrauen, für sich und seine Mitwelt Verantwortung zu übernehmen.
Gerade im sozialarbeiterischen Kontext könne ein wertschätzendes Ansprechen des muslimischen Glaubens Türen öffnen, ist Khorchide überzeugt. Zum Beispiel so: „Mich fasziniert an deiner Religion, dass sie den schönen Aspekt der Barmherzigkeit hat. Das brauchen wir heute.“ Religionen hätten ein großes Potenzial, ein menschenfreundliches Miteinander zu fördern, wenn sie statt auf Ausgrenzung und Abgrenzung auf Menschlichkeit und positive Erzählungen setzen. Wie sehr dieses Potenzial gebraucht wird, wurde im Seminar an zahlreichen Beispielen deutlich.
Oliver Gunia, Krankenpfleger und Fachtherapeut für Wundversorgung, stellte die Wundambulanz für wohnungslose Menschen der Benediktiner-Abtei St. Bonifaz in München vor. Pfarrer Peter Kossen sprach über die Rechtsberatung für Arbeitsmigrant_innen insbesondere in der Fleischindustrie durch den Verein „Aktion Würde & Gerechtigkeit e.V.“ in Lengerich. Bernhard Mülbrecht und Dean Loy berichteten über den Stand des Projekts „Cared.Wende. Neue Wege in der Versorgung schwer kranker und pflegebedürftiger wohnungsloser Menschen in Münster“, das konkrete Schritte für (palliativ-)pflegerische Versorgungsstrukturen erarbeitet. Aber auch Künstliche Intelligenz war ein Thema des diesjährigen Seminars. Prof.in Dr.in Gesa Linnemann diskutierte mit den Teilnehmenden über den Umgang mit KI in der Sozialen Arbeit.
Ramadan und Fastenzeit beginnen am 18. Februar
Ein aktuelles Beispiel für eine Einbeziehung von Religion im Sozialraum brachte Pater Winfried Pauly mit. Er leitet das „Brunnenprojekt Hustadt“ im Süden Bochums. Da in diesem Jahr der seltene Fall gegeben ist, dass der muslimische Fastenmonat Ramadan und die christliche Fastenzeit am selben Tag, nämlich am 18. Februar, beginnen, verteilen Mitarbeitende des Brunnenprojekts Hustadt im Stadtteil Karten mit Segenswünschen und diesem Text:
Fasten verbindet
Ob Muslim/a oder Christ/in, beim Fasten gibt es Gemeinsamkeiten:
- Fasten will uns näher zu Gott / Allah bringen.
- Wir fasten auch aus Solidarität.
- Fasten ist mehr als Verzicht auf Essen und Trinken.
- In der Fastenzeit widmen wir Bibel oder Koran mehr Aufmerksamkeit.
- Wir glauben, dass Fasten heilsam ist.
Beim 36. Kontaktseminar Option für die Armen nahmen vom 9. bis 13. Februar 2026 50 Studierende, Ordensleute und Sozialarbeiter_innen u.a. aus München, Berlin, Fürstenwalde, Köln, Paderborn und Münster teil. Das Seminar ist an der katho am Standort Münster seit seiner Gründung im Jahr 1991 ein Treffpunkt für Menschen, die im Sinne der lateinamerikanischen Befreiungstheologie die Option für die Armen leben wollen. Es ist verknüpft mit „Besuchen vor Ort“, die in diesem Jahr zu vier Orten führten: dem Bremer Platz auf der Bahnhofrückseite, der mit einem Bereich für drogenabhängige Menschen neu gestaltet wurde, dem Haus der Wohnungslosenhilfe, dem „Treff im Turm“ in der Überwasserkirche, ein niedrigschwelliges Angebot für Menschen auf der Straße, und dem neuen Pfarrzentrum an der Herz Jesu Kirche, wo auf Initiative der Gemeinde Wohnungen für ehemals wohnungslose Männer und für eine ehemals wohnungslose Familie entstanden sind.
Text: Prof.in Dr. Andrea Tafferner
Fotos: Anna Nolte, Marion Nettels
KONTAKT
Prof. Dr. Andrea Tafferner
Prodekanin / Professorin für Theologie, Sozialphilosophie
Münster, Sozialwesen