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| Paderborn,

Covid 19-Pandemie - Aktuelle Herausforderungen Sozialer Arbeit im Europa-Vergleich

Mit dieser Thematik befasste sich eine Studierendengruppe unter Leitung von Prof. Dr. Sara Remke und Prof. Dr. Monika Többe-Schukalla im Rahmen eines Seminars zur Professionalität und Sozialen Arbeit.

© Eliza / Photocase

Befragt wurden Schlüsselpersonen aus insgesamt neun Institutionen in Paderborn und Umgebung. Vertreten war ein breites Spektrum unterschiedlicher Einrichtungen, das sich von der Schulsozialarbeit, der Kinder- und Jugendhilfe, den Migrationsdiensten über die Arbeit mit Senior_innen in Heimen und Pflegeinrichtungen bis zu Angeboten für Menschen mit psychischen Erkrankungen in Wohn- und Werkstätten erstreckten.

Für eine europäisch vergleichende Perspektive wurden mit Hilfe der Partneruniversitäten der Abteilung Paderborn ebenfalls vergleichbare soziale Institutionen in Finnland, Schweden, Polen, UK und Makedonien befragt. Ziel des Projekts war es, die Auswirkungen der Pandemie auf unterschiedliche Handlungsfelder der Sozialen Arbeit zu erfassen. Hierzu zählten u.a. Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation, Arbeitsverdichtungen, finanzielle Restriktionen, Umgang mit Klient_innen, Verschärfung sozialer Problemlagen und die Herausforderungen an den Professionsdiskurs der Sozialen Arbeit als Folge der Pandemie. Insgesamt haben sich eine Fülle an identischen Ergebnissen ergeben, weniger, wie ursprünglich gehofft, Lerneffekte durch Best-Practice-Modelle.

Wenngleich sich die politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in den genannten Ländern unterscheiden, wird in allen Befragungen deutlich, dass die Krise erhebliche Auswirkungen auf die Aufgaben- und Leistungsgebiete der Sozialen Arbeit hat. Kaum eine Institution beklagt zwar finanzielle Kürzungen oder Entlassungen durch die Pandemie, dennoch sahen sich viele Einrichtungen zunächst im Stich gelassen, wenn es um die kostspieligen Umsetzungen der angeordneten Hygienemaßnahmen ging. Diese mussten vielfach durch eigene Mittel finanziert werden und wurden nur schleppend kompensiert. Eine britische Einrichtung für Wohnungslose beispielsweise, die fast ausschließlich über Spenden finanziert wird, war nicht in der Lage, die geforderten Maßnahmen zu erbringen.

Zugang zu Zielgruppen unterbunden

Selbst wenn der Lockdown in einigen Ländern zu Beginn der Pandemie schwach ausgeprägt und wenig restriktiv war, zeigte sich, dass der Zugang zu den Zielgruppen dennoch unterbunden war. So beklagen skandinavische Jugendeinrichtungen, dass sie trotz Öffnung keinen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen haben durften, da die Eltern das Aufsuchen der Einrichtung untersagten. Dies gilt insbesondere für sozial schwächere Gruppen. Der Effekt, keinen Einblick mehr in die Lebenssituationen der Zielgruppe zu haben, war von daher identisch mit den Ländern mit hartem Lockdown wie Deutschland, Polen, UK und Makedonien. Kritisiert wurde, dass der staatliche verordnete Lockdown keine Alternativangebote gerade für besonders schutzbedürftige Zielgruppen vorsah. Eine makedonische Nichtregierungsorganisation für Kinderrechte hat von daher nach der verordneten Schließung des Tageszentrums eigenständig durch mobile Arbeit Kontakt zu Kindern hergestellt.

Es sind gerade bei Kindern Verschärfungen sozialer Ungleichheiten durch einen sogenannten „digital divide“ auszumachen. Dieser war bereits vor der Pandemie, so auch in Deutschland, ersichtlich, hat aber im Verlauf des kompletten Online-Lernens noch einmal deutlich zugenommen und muss für alle weiteren politischen Maßnahmen handlungsleitend aufgenommen werden.

Die Kontaktbeschränkungen im Umgang mit Senior_innen und psychisch Erkrankten sind ausnahmslos in allen diesbezüglich befragten Einrichtungen als immenses Problem bestätigt worden. Neben den notwenigen pflegerischen Tätigkeiten waren genuin sozialarbeiterische kaum realisierbar. Das gilt auch für studentische Praktika im Sozialbereich, die vielfach abgesagt werden mussten. Gerade dadurch entfiel ein großer Teil angeleiteter Sozialer Arbeit mit Zielgruppen. Die befragte Einrichtung in Paderborn konstatiert bereits jetzt eine Zunahme an psychischen Erkrankungen, wenngleich in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Eine Einrichtung für Rehabilitation in Finnland sieht sich mit den Folgen des Aussetzens rehabilitativer Maßnahmen konfrontiert. Die Situation für die Klient_innen hat sich auf jeden Fall verschlechtert.

Bis auf wenige Ausnahmen bestätigen die befragten Personen, dass sie während der Pandemie professionellen Austausch durch Teamsitzungen, Supervision oder kollegiale Beratung hatten. Dieser wurde durch digitale Möglichkeiten nicht unterbrochen, wenngleich für einige Interviewte gewöhnungsbedürftig. Unabhängig von diesem professionellen Austausch untereinander, wird aber von allen Beteiligten gefordert, dass sich Soziale Arbeit für ein Leben nach oder besser mit der (noch nicht abgeschlossenen) Pandemie für eine stärkere Expertise in die politischen Maßnahmen einbringen muss. Ausgehend von einem holistischen Verständnis von Gesundheit, kann gerade die psychische und soziale Unversehrtheit nicht durch ausschließlich medizinisch verordnete Lockdownmaßnahmen erreicht werden. Genau mit dieser Frage könnte die seit langem immer wieder diskutierte Bedeutung eines politischen Mandats der Sozialen Arbeit forschungsleitend aufgenommen werden.

Dank geht an die Studierenden des Seminars, besonders an die beiden studentischen Mitarbeiterinnen Johanna Hofzumberge und Frieda Heilmann für die Durchführung und Auswertung der Interviews.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Monika Többe-Schukalla

Prof'in Dr. Monika Többe-Schukalla

Professorin für Politikwissenschaft Paderborn, Sozialwesen
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Prof. Dr. Sara Remke

Prof. Dr. Sara Remke

Professorin für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit Paderborn, Sozialwesen
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