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| Paderborn,

Kunstvermittlungsprojekt veranstaltete Tagung zu „Travelling Objects“

Die internationale Tagung „Räume öffnen. Missionssammlungen vermitteln mit künstlerischen Methoden: Räume öffnen, in Bewegung geraten, Gespräche suchen“ brachte vom 12. bis 14. Januar 2026 Expert_innen aus Kunst, Ethnologie, Geschichte, Sozialer Arbeit, feministischer Forschung, Theologie sowie Akteur_innen lokaler und internationaler Praxis in Paderborn und Neuenbeken zusammen. Die Tagung ist Teil des dreijährigen Forschungsprojekts der katho, das die ethnologische Sammlung eines weltweit missionierenden katholischen Frauenordens untersucht und durch künstlerische Strategien und Kunstvermittlungsmethoden neu erschließt. 

Im Zentrum der Tagung stand die Frage, wie „Travelling Objects“ – Objekte, die über Kontinente, Kulturen und politische Kontexte hinweg bewegt wurden – ihre Bedeutung verändern und welche Chancen und Herausforderungen damit für heutige Vermittlungspraxen verbunden sind. Die Beiträge beleuchteten feministische Perspektiven auf Missionsgeschichte, Wege und Spuren kolonialer und touristischer Artefakte sowie die politische, ästhetische und soziale Dimension von Sammlungen, die teilweise aus asymmetrischen historischen Verflechtungen hervorgegangen sind.  

Über drei Tage hinweg wurden vier thematische Schwerpunkte diskutiert: 

1. Internationale und lokale Kooperationsnetzwerke 

– zur Notwendigkeit dialogischer, grenzüberschreitender Zusammenarbeit, um koloniale Muster im Umgang mit Sammlungen zu verlernen und neue Verständigungsräume zu schaffen. 

2. Frauen als Akteurinnen in Mission, Kunst und Bildung 

– mit Fokus auf Ordensschwestern als Künstlerinnen, Sammlerinnen und Akteurinnen globaler Netzwerke, deren Care- und Bildungsarbeit lange unsichtbar blieb. 

3. Künstlerische Forschung und Vermittlung 

– Präsentationen künstlerischer und kunstpädagogischer Ansätze, darunter Theaterarbeit, gemeinsames Kochen, performative Praktiken und objektbezogene Vermittlungsformate, die neue Zugänge zur Sammlung eröffnen. 

4. Globale Bezüge, Nachhaltigkeit und Zukunftsperspektiven 

– Visionen für nachhaltige, verantwortungsbewusste und gerechte Museums- und Sammlungsarbeit, die internationale Stimmen einbeziehen und sich am „Nach-vorn-Denken“ orientieren. 


Sr. Angela-Maria Segbert eröffnete die Tagung mit einem Blick auf die Geschichte und das Selbstverständnis des Ordens sowie die Bedeutung der Sammlung als Ort lebendiger Erinnerung.

Prof.in Dr.in Maren Ziese stellte das Forschungsprojekt vor und beschrieb es als künstlerisch-wissenschaftlichen Prozess des Verlernens und Neuorientierens. 

 

Objekte in Bewegung und historische Verflechtungen 

Hans Peter Hahn erläuterte das Konzept der Travelling Objects – ein Schlüsselbegriff, der auch das gesamte Tagungsprojekt prägte. Sein Vortrag analysierte die Veränderlichkeit von Objektbiografien und was geschieht, wenn Objekte von einem Ort zum anderen gelangen und welche Konsequenzen dies für ihre Materialität, ihre Bedeutungskontexte und ihre Bewertungen hat.

Andreas Neuwöhner und Marten Wibbe führten in ihren Stadtrundgang ein, der koloniale Spuren in Paderborn sichtbar macht, und stellten ausgewählte missionsbezogene Objekte der städtischen Sammlung vor. 

Die historische Perspektive auf Missionsfrauen wurde durch Ute Kemmerling und Christine Aka geschärft, die Handlungsspielräume und Lebenswege von Missionarinnen rekonstruierten. 

 

Mission, Verantwortung und globale Perspektiven 

Prof. Dr. Hans Hobelsberger diskutierte die ethische Dimension von Mission im Verhältnis zu Menschenrechten und Sozialer Arbeit. 

Samuel Nyanchoga führte mit Ubuntu und Ujamaa afrikanische Philosophien ein, die Modelle für gemeinschaftsorientiertes, nachhaltiges Zusammenleben bieten. 

Erzbischof Udo Bentz richtete den Fokus in seinem Beitrag ausdrücklich auf die Verantwortung der Kirche im Umgang mit kolonialen Verflechtungen von Mission und Sammlungspraxis. Er benannte die historischen Verstrickungen kirchlichen Handelns in koloniale Machtverhältnisse und unterstrich die Verpflichtung der Kirche, sich diesen Ambivalenzen offen zu stellen. Dabei hob er hervor, dass Sammlungen nicht als neutrale Zeugnisse betrachtet werden können, sondern Träger von Gewalt-, Missions- und Beziehungsgeschichten sind. Aus dieser Einsicht leitete er die Notwendigkeit einer verantwortungsvollen, selbstkritischen und dialogorientierten Auseinandersetzung ab, die Fragen nach Provenienz, Deutungshoheit, Erinnerung und Zukunftsperspektiven einschließt.  

Norbert Litoing beleuchtete jesuitische Missionsarchive und plädierte für „archival care“ als dekolonisierende Praxis. Sein Beitrag setzte einen deutlichen Akzent auf die ethische Verantwortung im Umgang mit Missionsarchiven auf dem afrikanischen Kontinent.

Carmen Simon stellte das partizipative Entsammlungsprojekt „#AltSuchtNeu“ des Regionalmuseums Chüechlihus vor. Sie zeigte, wie Museen Verantwortung für ihre oft übervollen und historisch belasteten Sammlungen übernehmen können, indem sie Transparenz, Beteiligung der Öffentlichkeit und gemeinsame Entscheidungsprozesse in den Mittelpunkt stellen. 

Elke Krasny reflektierte Kuratieren als kritische Sorgearbeit und zeigte, wie Museen durch feministische Perspektiven Machtverhältnisse sichtbar machen und verändern können. 

Emmaus Kimani King’ori brachte in seinem Beitrag eine dezidiert afrikanische Perspektive in die Tagung ein. Sein Fokus lag auf der Frage, wie zeitgenössische afrikanische Kunst, Wissen und kulturelle Selbstbeschreibungen langfristig bewahrt werden können, ohne erneut in globale Ungleichheitsverhältnisse, in denen Artefakte und Narrative im globalen Norden Verwahrung finden, verstrickt zu werden. 

 

Künstlerische Forschung, Vermittlung und ästhetische Auseinandersetzungen 

Mehrere Beiträge machten deutlich, wie Kunst neue Zugänge zur Sammlung schaffen kann: 

  • Herlambang Bayu Aji zeigte die Vielfalt javanischer Wayang-Kulturen und die Rolle zeitgenössischer Adaptionen. 
  • Vulindlela Nyoni analysierte das Werk von Sr. Pientia aus Mariannhill als ambivalentes Zusammenspiel von Kunst, Mission und Apartheidskontext. 
  • Christoph Rippe beschrieb anhand von historischen Fotografien die mediale Produktionslandschaft Mariannhills als komplexes koloniales Propagandasystem. 
  • Julia Binter diskutierte Mode und Mission als verflochtenes Kulturerbe und Chancen transdisziplinärer Forschung. 
  • Laura Schlütz führte ein Gespräch mit Sr. Jacinta Kitonyi und Sr. Annette Buschgerd über die Farbe Rot und deren Bedeutung im Habit der Schwestern und in der Modekultur. 
  • Gina Knapp präsentierte ihre Forschung zu Bilums aus Papua-Neuguinea als Objekte weiblicher Gestaltungskraft und sozialer Vernetzung. 
  • Marta Oliveira Sonius und Sr. Jacinta Kitonyi leiteten einen Workshop zu Schmuck und Körperverzierung unter postkolonialen und nachhaltigkeitsorientierten Fragestellungen. Im künstlerisch-handwerklichen Arbeiten reflektierten die Teilnehmenden, wie Schmuck Wissen, Beziehungen und kulturelle Praktiken transportiert. 
  • Anke Göhring thematisierte in Zerbrochene Bewegung Erinnerung, Materialität und Verletzbarkeit am Beispiel eines koreanischen Teeservices. Aus Scherben wurden eigene kleine Kunstwerke gestaltet, verbunden mit Reflexionen darüber, wie Kunst reist, wie sie verpackt, gelagert und gezeigt wird. 
  • Sonwabiso Ngcai und Monique Grüter untersuchten Gefäßkulturen und Essrituale in ihrem Workshop „Woraus wir essen“. Im Zentrum stand ihre Bedeutung als Träger von Geschichte, sozialer Praxis und Identität. Dabei verband der Workshop Essen als soziales Ereignis mit gemeinschaftsorientiertem Arbeiten. 
  • Kirim Nam und Mira Falke-Zalewski gestalteten ein Leporello zu Obangsaek-Farbtraditionen und eröffneten neue narrative Zugänge zu koreanischen Kleidungsstücken. Mit Zeichnungen und persönlichen Erinnerungen erschlossen sie, wie Farben in Südkorea Weltbeziehungen, kulturelle Bedeutungen und Identität formen. 
  • Sharon On präsentierte das dokumentarisch-performative Projekt „The Things We Keep“ (Tansania/Deutschland) über persönliche Objekte, Erinnerung und Begegnung. Die Teilnehmenden entwickelten dokumentarische Mini-Performances, die zeigten, wie persönliche Dinge Brücken über kulturelle, religiöse und historische Grenzen schlagen können. 
  • Michael Ptasinski entwickelte für den Tagungsanlass eine Reihe von Ausstellungstafeln, die die Perspektive der Missionsschwestern vom Kostbaren Blut (CPS) sichtbar machen. Grundlagen dafür waren Interviews, in denen die Schwestern persönliche Erlebnisse, Missionsbiografien, prägende Begegnungen und ihre Beziehung zu spezifischen Artefakten der Sammlung schildern.  
     

Soziale, musikalische und gemeinschaftsorientierte Zugänge 

Petra Schmidtke und Bärbel Borchert stellten Über den Tellerrand als interkulturelles Begegnungsformat durch gemeinsames Kochen vor. 
August Klar lud mit Poetry Slam und Schreibübungen zur kreativen Reflexion ein. 
Andrea Kampelmann verband in ihrem Format Klang und Rhythmus globale Lernprozesse mit musikalischer Praxis. 

 

Abschluss 

Die Tagung machte deutlich, dass Missionssammlungen nur durch ein Zusammenspiel aus künstlerischer Forschung, historischer Kontextualisierung, interkultureller Zusammenarbeit und ethischer Verantwortung zukunftsfähig werden. Die Vielzahl der Stimmen – aus Kunst, Wissenschaft, Theologie, Pädagogik, Aktivismus und Ordensleben – öffnete neue Räume für Dialog, Kritik und gemeinsame Zukunftsvisionen. 
 

Das Projekt „Räume öffnen. Ein internationales Kunstvermittlungsprojekt einer Missionssammlung im Erzbistum Paderborn“ wird durch den Erzbischöfliche Stuhl zu Paderborn mit seiner Stiftung Bischof Meinwerk gefördert.
 

Impressionen

Ein leerer Tagungsraum mit Stühlen und Tischen. Tagungssaal bei den Missionsschwestern vom kostbaren Blut im Missionshaus Neuenbeken (Foto: katho/Anke Göhring)
Ein gedeckter Tisch mit Tellern und Tischdecke von oben fotografiert. Unsere Tafel, Erproben von Handlungsoptionen: Gemeinsam kochen mit dem Verein: Über den Tellerrand Bielefeld (Foto: katho/Anke Göhring)
Teilnehmende in Winterjacken unterhalten sich angeregt. Sammlungsaktivierung in der Ausstellung mit den Wayang Spieler Herlambang Bayu Aji (Foto: katho/Anke Göhring)
Einblick in eine Veranstaltung der Tagung mit Redner und Zuhörenden. Vortrag: Travelling Object mit Hans Peter Hahn (Foto: katho/Anke Göhring)
Erzbischof Betz steht am Rednerpult und spricht. Erzbischof Udo Bentz bei seinem Beitrag zur Verantwortung der Kirche im Umgang mit kolonialen Verflechtungen von Mission und Sammlungspraxis
Eine Ordnensschwester redet in ein Mikrophon in ihrer Hand. Sr. Jacinta Kitonyi im Gespräch: Die Rote Farbe, Gespräch mit den Missionsschwestern vom Kostbaren Blut (CPS) und Laura Schlütz (Foto: katho/Anke Göhring)
Eine Teilnehmerin formt aus Ton ein Gefäß. Workshop: Woraus wir essen, Sonwabiso Ncgai und Monique Grüter (Foto: katho/Anke Göhring)
Teilnehmende stehen in einem Raum und tauschen sich aus. Tagungssaal katho, Gespräch und Diskurs zum Thema Zukünfte (Foto: katho/Anke Göhring)
Prof. Dr. Maren Ziese

Kontakt

Prof. Dr. Maren Ziese

Professorin

Paderborn, Sozialwesen

Anke Göhring

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Paderborn, Sozialwesen

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