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Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt: „Ohne direkten Kontakt zu den Betroffenen gibt es kein Verstehen“

„Ich habe eigentlich erst verstanden, was Missbrauch wirklich ist, als ich Betroffenen begegnet bin“, sagt Pater Klaus Mertes. Der Jesuit und frühere Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, war am 15. Februar 2022 an der katho in Münster eingeladen, um über seine Erfahrungen bei der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche zu berichten. Schwerpunkt war die Frage, wie die „Option für die Armen“ sich vereinbaren lässt mit einer Kirche, in der sexualisierte Gewalt und spiritueller Missbrauch ausgeübt, vertuscht und verleugnet wurde und bis heute um Gerechtigkeit für die Betroffenen gerungen wird.

Klaus Mertes SJ im Hörsaal der katho am Standort Münster.

Klaus Mertes SJ im Gespräch mit Prof. Dr. Andrea Tafferner und Pastoralreferent i.R. Klaus Hagedorn.

Kaffeepause im Foyer.

Der Vortrag und das anschließende Gespräch mit Klaus Mertes als Video.

„Wir haben keine helfende Rolle“

Im Evangelium sind die Armen die Ausgeschlossenen, die Opfer von Gewalt und ungerechten Strukturen. Durch den Kontakt mit Betroffenen habe er gelernt, dass Missbrauchsopfer auch Jahre nach den Gewalterfahrungen Ausgrenzung erleben, sagt Mertes. „Sie sind ausgegrenzt, weil sie eine Geschichte erzählen wollen, die niemand hören will.“
Die „Option für die Armen“ verdankt sich der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung und steht für den Einsatz der Kirche an der Seite der Armen im Kampf um Gerechtigkeit. Kann dieser Ansatz der Option für die Armen auch bei der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in der Kirche zum Tragen kommen? Für Mertes tut sich hier eine Falle auf, in die Kirchenvertreter und wohlmeinende Kirchenmitglieder nur allzu leicht geraten. Der Wunsch, sich auf die Seite der Opfer zu stellen, sich mit ihnen zu solidarisieren, verbunden mit dem Wunsch, dadurch die Glaubwürdigkeit der Kirche wiederherzustellen, muss in diesem Fall scheitern: Das Bild vom barmherzigen Samariter, der sich einem verletzten Menschen zuwendet, den andere zusammengeschlagen haben, funktioniere hier nicht. „Es ist etwas völlig anderes, wenn ich selbst diese Person verprügelt und zusammengeschlagen habe, so dass sie jetzt verwundet am Wegesrand liegt.“ Die Kirche stehe auf der Täterseite, nicht auf der Seite der Opfer. Es verbiete sich daher auch jede Vereinnahmung durch theologische Sprache wie „In den Betroffenen begegnet uns Christus“ oder „Die Betroffenen evangelisieren die Kirche“. Die Betroffenen wollen weder Christus sein, noch andere evangelisieren. Sie stellen zurecht Forderungen – vor allem nach Gerechtigkeit.  „Wir haben keine helfende, therapeutische Rolle“, sagt Klaus Mertes. Denn die Kirche sei in der Rolle der angeklagten Institution.
Bei seiner Begegnung mit Betroffenen des Canisius-Kollegs sei das Wichtigste gewesen, ihnen zuzuhören und ihnen zu glauben – „mit erheblichen Konsequenzen“.  Für Mertes ein existentieller Akt: „Ich muss verantworten, was ich da glaube.“ Und das bedeute, für die Aufarbeitung Verantwortung zu übernehmen, ohne die Betroffenen in Entscheidungen einzubeziehen, die allein die Institution, also die Täterseite, zu treffen habe.
 

Selbstreflexion und Innenwahrnehmung

Für eine Hochschule mit den Studiengängen Soziale Arbeit und Heilpädagogik empfahl Mertes, die Fähigkeit zum Zuhören und zur Selbstreflexion einzuüben. Denn es brauche ein reflektiertes Verhältnis zu eigenen Abwehrreflexen, sowie eine kritische Bewusstheit für das eigene Geltungsbedürfnis. Um „Innenwahrnehmung zu lernen“, so Mertes, müsse vor allem die Erfahrung und der Umgang mit Stille geübt und gepflegt werden. Das sei „die unverzichtbare Bedeutung von Spiritualität“.

Der vollständige Vortrag und das anschließende Gespräch mit Klaus Mertes sind online auf Vimeo verfügbar. 
 

Die Veranstaltung „Die Option für die Armen angesichts der Missbrauchskrise“ fand im Rahmen des Kontaktseminars Option für die Armen statt. Das Kontaktseminar ist seit 1991 an der katho in Münster ein Ort der Begegnung und Fortbildung für Ordensleute, Haupt- und Ehrenamtliche aus sozialen und pastoralen Arbeitsfeldern und Studierenden der Sozialen Arbeit und Heilpädagogik. Es wird von Prof. Dr. Andrea Tafferner und Dipl.-Sozialarbeiter Bernd Mülbrecht geleitet. Pandemiebedingt wurde das Seminar in diesem Jahr auf zwei Tage verkürzt.
 

Kritik an digitaler Behördenkommunikation

Am 16. Februar stellten Bernd Mülbrecht und Sozialarbeiterin Tamara Kräwer das Projekt Brückenschlag vor, eine Beratungsstelle in Münster für Familien in besonderen sozialen Schwierigkeiten. Das von der Bischof-Hermann-Stiftung getragene und vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW geförderte Modellprojekt beschreitet mit dem Leistungstyp „Familie“ einen neuen Weg im Hilfesystem.  Nur so könne man dem komplexen Hilfebedarf betroffener Familien in den Bereichen der Existenzsicherung, der Gesundheit, der Wohnraumvermittlung und der Bildung/Schule angemessen begegnen. Deutliche Kritik übte Bernd Mülbrecht an den aufgrund der Pandemie verfügten Einschränkungen bei städtischen Behörden. „In Bereichen, in denen es um Existenzsicherung geht, dürfte es kein Homeoffice geben.“ Denn die Hilfesuchenden verfügten in der Regel nicht über die nötigen technischen Ausstattungen wie beispielsweise einen Scanner, so Mülbrecht. So würden viele Menschen von ihren Rechten abgeschnitten. Selbst versierte Anwender digitaler Technik hätten Probleme im Umgang mit der digitalen Behördenkommunikation. „Ich kann nicht nur die eine Seite digitalisieren und die andere Seite außen vor lassen“. Die Maxime von Klaus Mertes, dass es ohne direkten Kontakt zu den Betroffenen kein Verstehen gebe, wurde auch an diesem Beispiel für alle Teilnehmenden plausibel.

Auch der Vortrag von Bernd Mülbrecht und Tamara Kräwer ist auf Vimeo verfügbar.

Text: Prof. Dr. Andrea Tafferner
Fotos: Marvin Hackfort, Andrea Tafferner

 

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Kontakt

Prof. Dr. Andrea Tafferner

Professorin für Theologie, Sozialphilosophie; Prodekanin

Münster, Sozialwesen

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