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„Politik, Erinnerung und urbaner Raum“ – eine Studienfahrt nach Berlin im Mai 2026

Studierende des 4. Semester im Masterstudiengang „Bildung und Teilhabe: Soziale Arbeit“ der katho in Aachen waren mit Prof. Dr. Markus Baum und Prof. Dr. Joachim Söder auf Exkursion in Berlin. Zum Thema „Politik, Erinnerung und urbaner“ Raum haben sie gemeinsam die vielfältigen Bezüge zwischen städtebaulichen und skulpturalen Entwürfen, Vergangenheitsbewältigung und -idealisierung sowie Zukunftsgestaltung ergründet.

Die Studierenden gemeinsam mit Prof. Dr. Joachim Söder und Prof. Dr. Markus Baum (mittig) vor der Gedenkstätte Hohenschönhausen

Die Geschichte von Jorge Luis Garcia Vaquez, einem ehemaligen Inhaftierten, der selbst die Führung durchführte.

Infomaterial über Jorge Luis Garcia Vazquez

Kellerzellen in der Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen

Die Studierenden im Park von Schloss Sanssouci

Spannungsvolle Beziehung - Turm der Garnisonkirche und Rechenzentrum

Erinnerung als Konstruktion: Wie Politik und Gesellschaft unser Gedächtnis prägen

(Autor Prof. Dr. Markus Baum)

Erinnerung ist weder trivial noch objektiv gegeben. Bezüge zur Vergangenheit, die das kollektive Gedächtnis prägen, bedürfen der ständige Reproduktion und können sich ändern. Denn politisch gestaltete Rahmenbedingungen und sich wandelnde soziale Kontexte prägen unseren Blick zurück und, wie wir uns durch ihn hindurch beim Versuch verstehen, die Zukunft zu gestalten.

Wer wir (geworden) sind und wohin wir gehen wollen, drückt sich maßgeblich in der Gestaltung des öffentlichen Raumes aus. Vor allem in Berlin und Potsdam lassen sich nicht allein Mahnmale und Gedenkorte besichtigen, in die die Erfahrungen von Shoa und Nationalsozialismus sowie der DDR-Diktatur Einzug erhalten haben. Darüber hinaus weisen beide Städte „Historische Rekonstruktionen“ auf, um die sich städtebauliche und erinnerungspolitische Konflikte entsponnen haben. Die Auseinandersetzung damit gewährt grundlegende Einblicke in die Verfasstheit der Gesellschaft und ermöglicht, sich über eine ideologiekritische und diskriminierungssensible Soziale Arbeit in einer postnazistischen und zugleich postmigrantischen Gesellschaft zu verständigen. 

Hier reflektieren die Studierenden nun ihre Eindrücke und Erfahrungen:

Rahmen und Ziele der Exkursion 

(Autor_innen: Studierende)

Im Mai 2026 sind wir (Master-Kohorte im Studiengang „Bildung und Teilhabe: Soziale Arbeit“) im Rahmen einer Studienfahrt für vier Tage nach Berlin gefahren und haben zugleich einen Ausflug nach Potsdam unternommen. Begleitet haben uns dankenswerterweise Prof. Markus Baum und Prof. Joachim Söder. Im Mittelpunkt standen die historische, politische und architektonische Auseinandersetzung mit dem städtischen Raum sowie Fragen des Erinnerns und Gedenkens.

Demokratie und Diktatur im Regierungsviertel: Reichstag, Brandenburger Tor & Gedenkorte

Bei einem Spaziergang durch das Regierungsviertel besuchten wir unter anderem den Reichstag und das Brandenburger Tor sowie den Platz des 18. März. Die Bezüge zu Märzrevolution und Nationalsozialismus verdeutlichen, wie schwierig die Etablierung von Demokratien ist und wie schnell sie scheitern können – auch mit Blick auf die Gegenwart. Zugleich verdeutlicht die gläserne Kuppel des Reichtags den Selbstanspruch einer responsiven Demokratie. Historische Spannung entstehen durch die unmittelbare Nähe zum Gedenkort für die im Nationalsozialismus ermordeten Sintizze und Romnja von Dani Karavan sowie zum von Peter Eisenman entworfene Denkmal für die ermordeten Jüd_innen Europas, dessen Durchschreiten an sich eine eindringliche Erfahrung ist und ein Eingedenken ermöglicht. 

Hohenschönhausen: Erinnerung an DDR-Unrecht und aktuelle Autoritarismus-Debatten

Am Freitag besuchten wir das ehemalige DDR-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Wir erhielten eine Führung durch Jorge Luis Garcia Vàzquez, einen ehemaligen Inhaftierten. Seine persönlichen Schilderungen machten die Geschichte des Ortes besonders greifbar und sensibilisierten für staatliche Überwachungstendenzen in der Gegenwart und einen Autoritarismus, der nicht allein im rechten politischen Spektrum verortet werden kann, wie die Leipziger Autoritarismus-Studie wiederholt betont. Hier kommt er selbst zu Wort.

Humboldt Forum & Stadtschloss: Kolonialismus, „Raubkunst“ und Preußen-Vergangenheit

Im Rahmen der Studienfahrt stellten sich immer wieder Fragen nach einem angemessenen Gedenken und Erinnern an die deutsche Geschichte. So diskutierten wir beispielsweise das Humboldt Forum und die Kritik an dessen Umgang mit den deutschen Kolonialverbrechen und „Raubkunst“. Auch der umstrittene rekonstruktive Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses inklusive Kuppel wurde kritisch hinterfragt, da er als Versuch gelten kann, eine idealisierte Zeit Berlins vor dem Nationalsozialismus wiederherzustellen, indem das (im 2. Weltkrieg und durch die DDR) zerstörte Berliner Stadtschloss wieder aufgebaut wird. Die Dachterrasse des wiederaufgebauten Stadtschlosses bot einen beeindruckenden Blick über die Stadt, aber auch auf eine ebenfalls rekonstruierte Inschrift, die das Christentum als einzig anerkennungswürdige Religion im Staat ausweist.

Potsdam: Preußische Architektonik, Garnisonskirche und sozialistische Moderne

Den nächsten Tag verbrachten wir in Potsdam. Der Tag zeichnete sich durch starke Kontraste aus. Zum einen drängte sich in der gesamten Stadt die architektonische Ästhetik des preußischen 18. Jahrhunderts auf. Höhepunkt war hier der Besuch des prunkvollen Schlosses Sanssouci. Nicht weit davon konnten wir uns mit der Wiedererrichtung der Potsdamer Garnisonskirche auseinandersetzen, in der einst preußischer Militarismus und Kolonialismus zelebriert wurden und die Verbrüderung von nationalsozialistischer Bewegung und preußisch-aristokratischer Elite am „Tag von Potsdam“ vollzogen wurde. Dass in unmittelbarer Nähe mit dem Rechenzentrum ein Bau der sozialistischen Moderne nicht weichen will, stellte den Kontrast der architektonischen Formsprachen und den damit einhergehenden Idealen besonders eindrücklich heraus. Zudem erlebten wir zeitgenössisches politisches Engagement und konnten den CSD und eine AFD-Prüfdemo miterleben.

Theater als Spiegel der Gegenwart

Abgerundet wurde das kulturelle Erlebnis der Studienfahrt mit einem Besuch am deutschen Theater in Berlin. Das Stück „Der Liebling“ griff aktuelle gesellschaftliche Debatten rund um Machtverteilung, Kapitalismus, Patriarchat und einen aufstrebenden Rechtsextremismus auf. 

Neben dieser immer wieder kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Gegenwart Berlins, hielt die Fahrt auch gesellige Momente und gemeinsame Abende in den Berliner Restaurants und Bars sowie einen Weckservice durch den Feueralarm des Hostels bereit.

Wir bedanken uns bei Herrn Baum und Herrn Söder für die herzliche Begleitung.

 

Literaturempfehlungen zur Vertiefung:

Baum, Markus (2020): Avantgarde, Architektur und Lebenswelt. Zur Aktualität einer kunstgeschichtlichen Intention, in: Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft, 65(2), 109-126.

Baum, Markus (2021): Urbane Architektur und Politik. Zum Verhältnis von Baustilen, Strategien der Rechten und Kapitalismus, in: Baum, Markus; Breidung, Julia; Spetsmann-Kunkel, Martin (Hrsg.): Rechte Verhältnisse in Hochschule und Gesellschaft – Rassismus, Rechtspopulismus und Extreme Rechte zum Thema machen. Opladen/Berlin/Toronto, 114-149.

2026 Soziales Studium katho Aachen Nachbericht
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