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| Münster,

Praxis- und Forschungstag: Soziale Berufe als normativer Anker für eine zukunftsfähige Gesellschaft?

Praxis- und Forschungstag mit Praxisvertreter_innen, Lehrenden/Forschenden und Studierenden in Münster

Die Mitarbeiterinnen des Praxisreferats (auf dem Foto fehlt Anja Middendorf).

Beim Praxis- und Forschungstag 2026 an der katho in Münster fand erneut ein Austausch zwischen Lehrenden/Forschenden, Praxisvertreter_innen und Studierenden aller Studiengänge statt. Im Mittelpunkt stand die Frage, inwieweit soziale Berufe ein normativer Kompass für eine zukunftsfähige Gesellschaft sein können. Rund 85 Teilnehmende gestalteten den Tag gemeinsam mit Impulsen, Workshops und lebhaften Diskussionen. 

Begrüßung und Vorstellung des Tagesablaufs

Dekanin Prof.in Dr.in Anja Kannegießer eröffnete die Veranstaltung. Sie betonte die Bedeutung des Transfers zwischen Hochschule und Praxis, gerade vor dem Hintergrund globaler Herausforderungen. „Soziale Berufe können Antworten geben: durch Gerechtigkeit, Solidarität und eine Haltung, die Vielfalt als Stärke begreift“, so Kannegießer.

Sarah Althöfer, Fachbereichsreferentin für Studium und Praxis, und Monika Laumann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Praxisreferat, stellten das Team des Praxisreferats vor und führten in das Tagesthema ein. Anschließend setzte Prof.in Dr.in Judith Conrads mit ihrem Vortrag „Toleranz als Machttechnik – Konstruktionen von Normalität und Andersheit in einer vielfältigen Gesellschaft“ theoretische Impulse. Anhand von Zitaten junger Menschen zeigte sie die Ambivalenzen von Toleranzbekundungen auf und hinterfragte kritisch, wie „Normalität“ in der Gesellschaft konstruiert wird – und sich damit auch verändern lässt.

In drei parallel stattfindenden Workshops vertieften die Teilnehmenden zentrale Themen: 

Gründe der Radikalisierung von jungen Menschen

Prof. Dr. Bernward Winter und Jenny Mentrup, Geschwister-Scholl Realschule Münster, bearbeiteten die Frage, wozu junge Menschen sich radikalen Gruppen zuwenden, und führten in psychologische Perspektiven von Radikalisierungsprozessen ein. Mit der „Significance-Quest-Theory“ von A.W. Kruglanski wurde deutlich, wie das Streben nach Anerkennung und Sinn Radikalisierung begünstigen kann. In der Diskussion tauschten sich die Teilnehmenden über Präventionsmöglichkeiten aus.

Moralische Belastungen

In einem anderen Workshop gingen Prof. Dr. Sebastian Laukötter und Michael Katzer, DRK-Kreisverband Steinfurt e.V., moralischen Belastungen in den verschiedenen Handlungsfeldern nach und boten einen Verstehenszugang für Situationen, in denen Mitarbeitende und/oder Leitungskräfte Diskrepanzen zwischen ihrer eigenen normativen Ausrichtung und dem, was im Alltag möglich scheint, erleben. Sebastian Laukötter verdeutlichte, dass die Zuspitzung moralischer Belastung dazu führen kann, dass Mitarbeitende die Arbeitskontexte verlassen, in denen sie ihre moralische Integrität bedroht sehen - um sich vor moralischer Verletzung zu schützen. Michael Katzer machte aufgrund seiner beruflichen Erfahrungen deutlich: Es komme darauf an, Mitarbeitende sprachfähig zu machen, damit sie über ethisch brisante Vorkommnisse  nicht schweigend hinweggehen. Die Teilnehmenden diskutierten ihre Erfahrungen mit moralischen Belastungssituation und den Einflussfaktoren auf individueller und auf organisationaler Ebene in kleinen Gesprächsgruppen. Ethisch brisante Themen aktiv in den Diskurs in Organisationen einzubringen, kann durchaus riskant sein. Wichtig sei - so die Rückmeldung einiger Teilnehmender - die Loyalität sich selbst, der eigenen moralischen Orientierung gegenüber nicht zu verlassen. In der Abschlussrunde äußerte eine Teilnehmerin, sie sei "geflasht" von der im Workshop erlebten Möglichkeit, Begriffe und Zusammenhänge in konkrete Sprache fassen zu können. Den Referenten sei es in bester Weise gelungen, abstrakte Fragestellungen mit den Erfahrungen der Teilnehmenden aus der Praxis / eigenen Praxiserfahrungen so zu verknüpfen, dass neue Handlungs- und Denkräume und entstehen könnten. 

Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe

Wie gelingt Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe – und wo stoßen Reformen an ihre Grenzen? Dieser Frage widmete sich der dritte Workshop unter Leitung von Prof.in Dr.in Eva Christina Stuckstätte, Silvia Weddeling, Jugendamt Kreis Steinfurt, und Johanna Stein, MA-Studentin der katho Münster. Eva Stuckstätte skizzierte zunächst aktuelle Entwicklungen und den Referent_innenentwurf der Kinder- und Jugendhilfestrukturreform (KJHSRG), die eine Zusammenführung der Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII) und der Eingliederungshilfe (SGB IX) als sogenannte „Große Lösung“ vorsieht. Silvia Weddeling zeigte am Beispiel des Kreises Steinfurt, wie durch gemeinsame Fortbildungen, synchronisierte Prozesse und vor allem den Willen zur Zusammenarbeit etwa zwischen dem Jugendamt und dem Sozialamt eines Landkreises eine gemeinsame Struktur zur wirksamen Unterstützung von Familien möglich wurde. Johanna Stein nahm die studentische Perspektive auf und zeigte, dass der Übergang vom Studium in die Praxis sowohl mit Sorgen als auch Visionen verbunden sei. Zum Abschluss waren sich viele Teilnehmende einig, dass für gelungene Inklusion nicht die „Große Lösung“ abgewartet werden müsse, sondern angelehnt an den Titel eines großen Projekts „Inklusion jetzt!“ schon möglich sei. Dies zeigten das Beispiel des Kreises Steinfurt und viele weitere Praxis- und Organisationsentwicklungsprojekte. 

Postersession in der Mittagspause

Während der Mittagspause bot eine Poster-Session Gelegenheiten zum Austausch: Forschende stellten Dissertationsprojekte und Forschungsschwerpunkte vor, während weitere Mitarbeitende der katho Kooperationsmöglichkeiten für Praxis und Lehre aufzeigten.

In der Abschlussrunde wurden die Teilnehmenden eingeladen, sich darüber Gedanken zu machen, was sie von der Veranstaltung mitnehmen (take-to-work), wozu sie Politik oder andere Verantwortliche auffordern (call-to-action) und was sie den Mitarbeitenden der katho noch mitteilen möchten (handover). Ein Teilnehmer brachte es auf den Punkt: „Diese gesellschaftlichen Aufgaben wird uns niemand abnehmen. Wir müssen wach bleiben – und handeln.“


Text: Monika Laumann
Fotos: Anja Mai 

 

M.A. Monika Laumann

KONTAKT

M.A. Monika Laumann

Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Praxisreferat

Münster

In der Abschlussrunde übergaben die Teilnehmenden ihre handover-messages und call-to-action-messages an die katho.
Prof.in Dr.in Sabine Schäper (Praxisbeauftragte Heilpädagogik) und Prof.in Dr.in Judith Haase (Praxisbeauftragte Soziale Arbeit) moderierten die Abschlussrunde.
Während der Postersession stellten Forschende der katho Dissertations- und Forschungsschwerpunkte vor.
Mitarbeitende der katho zeigten während der Postersession Kooperationsmöglichkeiten auf.
Jenny Mentrup (Geschwister-Scholl-Realschule Münster) und Prof. Dr. Bernward Winter gestalteten den Workshop „Was macht radikale Gruppen attraktiv für junge Menschen? Psychologische Erklärungsansätze und ihre Relevanz für die Prävention“.
Prof. Dr. Sebastian Laukötter und Michael Katzer (DRK-Kreisverband Steinfurt e. V.) hatten die Workshopleitungen für den Workshop „Moralische Belastungen“ inne.
Prof.in Dr.in Judith Conrads zeigte anhand von Zitaten junger Menschen die Ambivalenzen von Toleranzbekundungen in ihrem Einstiegsvortrag mit dem Titel „Toleranz als Machttechnik – Konstruktionen von Normalität und Andersheit in einer vielfältigen Gesellschaft“ auf.
Dekanin Prof. Dr.in Anja Kannefießer (rechts) eröffnete die Veranstaltung. Sarah Althöfer (Fachbereichsreferentin für Studium und Praxis) und Monika Laumann (Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Praxisreferat) führten gemeinsam in das Tagesthema ein.
Johanna Stein (MA-Studentin), Prof.in Dr.in Eva Christina Stuckstätte und Silvia Weddeling (Kreisjugendamt Steinfurt) gestalteten den Workshop „Inklusive Kinder- und Jugendhilfe – dranbleiben lohnt sich!“.
Jahr 2026 Forschung Praxis Münster Nachbericht
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