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„Türöffner Jugendpolitik“: Forschungsprojekt zu politischen Konflikten im Feld der Jugendarbeit entwickelt digitales Praxis-Tool

Mit dem Aufstieg der AfD als eine parteipolitische Kraft rechts der bürgerlich-konservativen Rechten seit 2014 haben sich Konflikte und Debatten in verschiedenen gesellschaftlichen Feldern in Form und Inhalt verändert und verschärft. Die Pilotstudie „Aktuelle Dynamiken politischer Intervention ‚von Rechts‘“ untersuchte diese Prozesse am Beispiel der Jugendarbeit, die wir als spezifische sozialräumliche Freizeit- und Gelegenheitsstruktur mit demokratiebildendem Auftrag verstehen. Befunde der Studie sind in die Entwicklung eines digitalen Tools geflossen. Es richtet sich an Praktiker_innen der Jugendarbeitspolitik und der Jugendhilfeplanung und soll Prozesse fachlicher Reflexion fördern.

Unser Ausgangspunkt: „Interventionen von ‚rechts‘“

Konzeptionen der Jugend-, Kultur- und Bildungsarbeit sind potenziell immer Gegenstand von Kontroversen, da in diesem Feld unterschiedliche, und zum Teil inkompatible, Logiken und Zielsetzungen von Verwaltung, Politik und Fachpraxis aufeinandertreffen. Divergente Sichtweisen auf Parteilichkeit, Eigensinn, Zielgruppenbestimmungen oder Finanzierung der Jugendarbeit werden durch die aktuelle Verschiebung politischer Kräfteverhältnisse konturiert und in ihren Differenzen vertieft. Eine Vielzahl von Studien weist Interventionen ‚von rechts‘ als wesentlichen Indikator für solche Verschiebungen aus. Zugleich bleibt ‚rechts‘ ein unscharfer Sammelbegriff, was die Notwendigkeit aufzeigt, Außengrenzen und innere Differenzen des entsprechenden politischen Lagers theoretisch und empirisch zu bestimmen. Noch entscheidender ist, dass Veränderungen nicht einfach das Ergebnis von ‚Interventionen‘ sind. Die ‚Skripte des Normalen‘ werden vor allem im alltäglichen, oft unspektakulären Zusammenspiel zwischen unterschiedlichen politischen, administrativen und beruflichen Akteur_innen geschrieben.

Prozesse von Normalität und die hier beobachtbaren Mischungen aus Konflikt und Arrangement, formalem und informellem Geschehen standen im Mittelpunkt der Studie. Gefördert von der Deutschen Stiftung Friedensforschung untersuchte sie in lokalräumlicher Anlage Interaktionen zwischen den genannten Gruppen, um Erkenntnisse über Bedingungen, Dynamiken und Folgen von Interessenkonflikten sowie über die Gestaltung und Verteidigung demokratischer Räume und Kultur zu erlangen. Umgesetzt wurde die Studie zwischen April 2025 und März 2026 in acht groß-, mittel- und kleinstädtischen Lokalräumen in Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die Untersuchung basierte auf einem qualitativen Methodenmix aus Interviews und Hintergrundgesprächen, Beobachtungen in Lokalparlamenten und Gremien sowie Dokumentenanalysen.
 

Unsere Perspektive: Transformation von Wissen

Das Projekt zielt auf die Erfassung von Veränderungen jugendpolitischer Strategien und Realitäten ab. Mit den Ergebnissen wollen wir zu einem Nachdenken über Konzeptionen und Möglichkeiten demokratischer Jugendarbeitspolitik anregen. Dabei folgen wir einem Ansatz, der weniger auf klassischen Wissens- und Erkenntnistransfer als auf Wissenstransformation durch Dialog und Reflexion setzt. Der theoretische und Anwendungsnutzen liegt darin, dass auf diese Weise nicht bloß verschiedene Wissensformen sichtbar gemacht werden, die dann als „Material“ wissenschaftlicher Erkenntnis dienen. Transformation bedeutet, dass Wissenschaft aus der Rolle als bloße Beobachterin und Interpretin ausbricht, aus Erkenntnissen Handlungsoptionen ableitet, diese als Vorschläge in Praxis übersetzt und dabei in Kommunikation mit den untersuchten Feldern steht. Dieser Ansatz beruht hier auf vier Säulen: Interdisziplinarität, Kooperation, Konsultation und Anwendungsorientierung.

  • Interdisziplinarität drückt sich in der Zusammensetzung des Forschungsteams aus. Die Studie war angesiedelt an der Universität Hamburg. Sie wurde gemeinsam durchgeführt von einem Team, das aus Kolleg_innen der WiSo-Fakultät Universität Hamburg (Dr. Nils Schuhmacher), der Frankfurt University of Applied Sciences (Christoph Bochentin, FB Soziale Arbeit & Gesundheit), der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Köln (Prof.’in Dr.in Jennifer Hübner, Fachbereich Sozialwesen), der Universität Siegen, (Hannah Jestädt, Department Erziehungswissenschaften und Jana Sämann, Seminar für Sozialwissenschaften und GRK „Folgen sozialer Hilfen“), der Hochschule Merseburg (Erik Theuerkauf, FB SozialeArbeit.Medien.Kultur), der Hochschule Niederrhein (Tina Leber, FB Sozialwesen) sowie einem freischaffenden Sozialwissenschaftler aus Hamburg (Kai Nolde) besteht.
  • Wissenschafts-Praxis-Kooperation wurde gewährleistet durch die Zusammenarbeit mit den Fachorganisationen ‚Bundesarbeitsgemeinschaft Offene Kinder- und Jugendarbeit‘, ‚Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten Sachsen‘ und ‚Fachverband Jugendarbeit/ Jugendsozialarbeit Brandenburg‘.
  • Unter Konsultation verstehen wir in diesem Zusammenhang die von Beginn an dauerhaft erfolgende Rückkopplung von Ideen, Befunden und Ableitungen an unterschiedliche Fachpublika durch a) Veranstaltungen, auf denen der jeweilige Projektstand thematisiert und abgeglichen wurde, b) Hearings in unterschiedlichen Expert_innenrunden zu ersten Befunden, c) Vorstellung des Tool-Konzepts zur konzeptionellen Weiterentwicklung.
  • Die Idee der Anwendungsorientierung drückt sich insbesondere in dem durch das Projekt entwickelten digitalen Tool aus.
     

Unser Ansatz: „Reflexion“ statt „Handlungsempfehlung“

Die Befunde des Projekts machen deutlich, dass Charakter und Verlauf von Aushandlungen und Konflikten im höchsten Maße von den spezifischen lokalräumlichen Bedingungen und Kulturen abhängig sind. Wenn es um die Gestaltung demokratischer Jugendarbeit(spolitik) geht, greifen allgemeine Handlungsempfehlungen – etwa zum Umgang mit Interventionen – also zu kurz und sind praktisch nur bedingt hilfreich. Das Tool lenkt aus diesem Grund die Aufmerksamkeit auf die Frage, wie politische Kultur in der Jugendarbeitspolitik aktiv gestaltet werden kann.

  • Es adressiert Akteur_innen in Gremien, Verwaltung, Parteien und Vertretungsorganisationen, die mit Jugendarbeitspolitik und Jugendhilfeplanung befasst sind.
  • Ausgehend von Befunden der Studie setzt es methodisch nicht auf handlungsleitende Antworten, sondern auf Reflexionsfragen, die Veränderungsprozesse auf individueller oder organisationaler Ebene anregen können. Die Fragen zielen in diesem Sinne darauf ab, Wirklichkeitskonstruktionen als auch Möglichkeitskonstruktionen bewusst zu machen. Dies bietet unterschiedlichen Akteur:innen einen niedrigschwelligen Zugang, der gerade auch durch seinen Neuheitswert Interesse erzeugt und ermöglicht, sich Themenbereichen und Fragestellungen zuzuwenden, die den eigenen Bedarfen entsprechen.
  • Es gliedert sich in drei Themenbereiche: Fragen im Baustein „Anfrage-Check“ beziehen sich auf Einordnungen parlamentarischer Anfragen. Die Reflexionsfragen können genutzt werden, um den diagnostischen Blick für ggf. subtile Formulierungen, zugrundeliegende Werte und Menschenbilder und Dissonanzen zum normativ-fachlichen Grundverständnis von Jugendarbeit zu schärfen. Fragen im Baustein „Institutionen-Check“ zielen auf grundsätzliche Überlegungen und Verfahren der Steuerung, Durchsetzung, Koordination und Ausgestaltung von Jugendarbeit. Sie bereiten die Zusammenarbeit mit anderen Akteur_innen in Gremien vor, ermöglichen Arbeitsabläufe, um Organisationsroutinen kritisch in Frage zu stellen. Fragen im Baustein „Kultur-Check“ können zur Reflexion der politischen Kultur in Gremien, wie z.B. dem Jugendhilfeausschuss, genutzt werden, zielen also auf das Diskussionsverhalten, Prozesse der Entscheidungsfindung oder die Weitergabe von Informationen ab. Die Fragen können auch über den Jugendhilfeausschuss hinaus genutzt werden, um beispielsweise im Rahmen von Veranstaltungen der Jugendhilfeplanung über die politische Kultur der jeweiligen Kommune nachzudenken und ins Gespräch zu kommen.

Politisches und fachliches Handeln unterliegen einem Begründungs- und Legitimationsdruck. Dieser wirkt organisationsintern, aber auch gesteigert aus externen Quellen. Die Fragen dieses Tools sollen dabei helfen, diesen gesteigerten Druck auf begründetes Handeln zu bewältigen und Perspektiven einer demokratischen Jugendarbeit zu stärken. Der Pilothaftigkeit des Projekts entspricht es dabei, dass es einen Ausgangspunkt für weitere Forschung zu lokalen politischen Kulturen und darauf bezogene konzeptionelle Überlegungen liefert.

 

Prof. Dr. Jennifer Hübner

Kontakt

Prof. Dr. Jennifer Hübner

Professur für Theorien, Konzepte und Methoden Sozialer Arbeit, Schwerpunkt Kinder- und Jugendarbeit

Köln, Sozialwesen

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