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MUTIG

Modelle der Unterstützung der Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter innovativ gestalten

Angaben zum Projekt

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Prof. Dr. Friedrich Dieckmann

Professor

Münster, Sozialwesen

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Prof. Dr. theol. Sabine Schäper

Professorin für Heilpädagogische Methodik und Intervention

Münster, Sozialwesen

Wissenschaftliche Mitarbeit

  • Theresia Haßler, Heilpädagogin (M.A.)
  • Monika Laumann, Heilpädagogin (M.A.)
  • Michael Katzer, Diplom-Heilpädagoge

Wissenschaftliche Hilfskraft

  • Martin Kemmerling, Heilpädagoge (M.A.)

Das Projekt MUTIG wurde von Prof. Dr. Friedrich Dieckmann und Prof. Dr. Sabine Schäper vom Institut für Teilhabeforschung der Katholischen Hochschule NRW in Münster geleitet. Projektpartner waren das LWL-Inklusionsamt Soziale Teilhabe und der Landesverband Lebenshilfe NRW e.V. mit dem Lebenshilferat NRW. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützte das Forschungsprojekt im Rahmen der Förderlinie SILQUA-FH des Programms Forschung an Fachhochschulen vom 01.10.2015 bis zum 31.10.2018.

01.10.2015 bis 31.10.2018

Projektbeschreibung

Menschen mit sog. geistiger Behinderung möchten auch im Alter möglichst lange und selbstbestimmt in ihrer eigenen Wohnung leben und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Die Zahl älterer Menschen mit geistiger Behinderung nimmt weiter zu. Gleichzeitig diversifizieren sich in Deutschland die Wohnsettings, in denen sie leben. Mit dem Bundesteilhabegesetz sollen die Wohndienste stärker personenzentriert mit dem Ziel der gleichberechtigten und selbstbestimmten Teilhabe arbeiten - und zwar unabhängig vom Lebensalter und unabhängig davon, in welchem Wohnsetting jemand lebt.

Ziel des Projektes MUTIG war es aufzuzeigen, wie sich die professionellen Dienste in drei gemeindebasierten Wohnsettings (Wohnheime, Haus- und Wohngemeinschaften, unterstütztes Wohnen alleine oder zu zweit) auf ihre Klient*innen im Lebensabschnitt Alter einstellen können und sollen, um individuelle Teilhabemöglichkeiten zu sichern oder neue zu eröffnen. Die entwickelten Lösungsvorschläge sollen nicht nur teilhabeförderlich, sondern für Anbieter und informell Unterstützende (z. B. Angehörige) organisierbar und wirtschaftlich tragfähig sein. Der Fokus lag dabei auf dem Lebensbereich Wohnen, weil für Menschen im Alter die Wohnung der zentrale Ort und Ausgangspunkt für die selbstbestimmte Gestaltung des Alltags und die Erschließung des Sozialraums ist. Der Lebensbereich Wohnen ist zugleich der Dreh- und Angelpunkt für die Organisation von Hilfen.

Arbeitspaket 1: Bestandsaufnahme zur aktuellen Wohnsituation und zu Umzügen im Alter:

In einem ersten Schritt wurde die aktuelle Wohnsituation älterer Menschen in Westfalen-Lippe anhand von Eingliederungshilfedaten der Jahre 2014 und 2015 untersucht. Es zeigte sich, dass in Westfalen-Lippe die häufigste Wohnform von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter das gemeindebasierte Wohnheim ist, auch wenn das unterstützte Leben in der eigenen Wohnung zahlenmäßig zunimmt. Die Bedeutung von Komplexeinrichtungen sinkt deutlich, während ein überraschend hoher Anteil bereits ab dem 60. Lebensjahr in einer Pflegeeinrichtung lebt. Etwa 6 % der über 50-Jährigen zog im Untersuchungszeitraum innerhalb eines Jahres um, wobei Umzüge sowohl in stärker institutionalisierte wie in eigenständigere Wohnformen erfolgten. Als stark eingeschränkt stellte sich die Selbstbestimmung von Menschen mit geistiger Behinderung bei Umzügen in Pflegeheimen dar, die häufig aufgrund von organisationsinternen Gründen und unzureichender Konzeptentwicklung in Diensten der Eingliederungshilfe erfolgen.

Arbeitspaket 2: Fortlaufende Analyse sich verändernder sozialrechtlicher und struktureller Rahmenbedingungen:

In einem Workshop mit Sozialrechtsexpert*innen wurden die sozialrechtlichen Rahmenbedingungen und Veränderungen eingehend diskutiert. Die Chancen und Potentiale des Bundesteilhabegesetzes wurden dabei ebenso sichtbar wie offene Fragen im Blick auf die künftige Gestaltung von Wohnsettings unter veränderten Bedingungen. Interviews mit Anbietern und mit Angehörigen gaben Aufschluss über Vorstellungen und zentrale Herausforderungen in der Weiterentwicklung von Lebenswelten für ältere Menschen mit lebensbegleitender Behinderung.

Arbeitspaket 3: Dokumentation ausgewählter unterstützter Wohnsettings sowie Identifikation und Evaluation innovativer Elemente:

Für jede der drei genannten Arten von Wohnsettings wurden Beispiele ausfindig gemacht, die innovative Bausteine im Blick auf die Begleitung von älter werdenden Menschen mit geistiger Behinderung bereits realisieren. Differenziert untersucht wurden Wohnprojekte in NRW und Bayern. Darüber hinaus wurden die Wohnunterstützung im Alter in drei europäischen Ländern (Niederlande, Norwegen, Dänemark) und innovative Praxen dortiger Praxispartner beschrieben.

Arbeitspaket 4: Entwicklung von Gestaltungsempfehlungen:

Auf der Basis der empirisch gefundenen innovativen Gestaltungselemente, der Analyse von Fachliteratur und zusätzlicher Praxishinweise wurde im Forschungsteam eine Systematik von Gestaltungsbereichen entwickelt. Neben Leitkonzepten für Anbieterorganisationen und Fragen des Personalmanagements wurden zu den folgenden Bereichen Empfehlungen erarbeitet:

  • Unterstützung organisieren
  • individuelle Lebensgestaltung im Alter
  • Sozialraum und soziale Beziehungen
  • Unterstützung der Tagesgestaltung
  • Mobilität
  • Pflege und Gesundheit
  • Unterstützung in der Nacht
  • Begleitung am Ende des Lebens

Für diese Gestaltungsbereiche wurden jeweils die Anforderungen und Aufgaben formuliert und Lösungsvarianten mit ihren Vor- und Nachteilen diskutiert. Die Gestaltungselemente stellen exemplarisch dar, wie Lösungsvarianten implementiert werden können.

Ein methodischer Grundzug im Projekt insgesamt war die Einbeziehung von Menschen mit geistiger Behinderung. Sie wurden im Rahmen der empirischen Erhebungen zu ihren individuellen Wünschen für die Gestaltung der Lebensphase Alter befragt. Zudem wurden in Kooperation mit dem Lebenshilferat NRW in zwei Workshops mit Nutzer*innen mögliche zentrale Herausforderungen und mögliche Gestaltungsoptionen für das Leben im Alter diskutiert. Die Einschätzungen und Wünsche der Nutzer*innen sind in die Beschreibung der Lösungsvarianten eingeflossen.

Publikationen

  • Thimm, A., Rodekohr, B., Dieckmann, F., Haßler, T. (2018): Wohnsituation Erwachsener mit geistiger Behinderung in Westfalen-Lippe und Umzüge im Alter: Erster Zwischenbericht zum Forschungsprojekt „Modelle für die Unterstützung der Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter innovativ gestalten“ (MUTIG). Münster.

Den ersten Zwischenbericht können Sie hier herunterladen.

Die Ergebnisse aus dem AP 1 sind auch in der Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie veröffentlicht

  • Dieckmann, F.; Rodekohr, B.; Mätze, C. (2019): Umzugsentscheidungen in Pflegeeinrichtungen bei älteren Menschen mit geistiger Behinderung. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 52 (3), 241–248.
  • Haßler, T.; Thimm, A.; Dieckmann, F. (2019): Umzüge von älteren Menschen mit geistiger Behinderung. Eine quantitative Analyse. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 52 (3), 235–240.
  • Thimm, A.; Dieckmann, F.; Haßler, T. (2019): In welchen Wohnsettings leben ältere Menschen mit geistiger Behinderung? Ein quantitativer Vergleich von Altersgruppen für Westfalen-Lippe. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 52 (3), 220–227.

Eine Buchpublikation, welche sämtliche Ergebnisse gestaltungsbezogen aufbereitet, wird 2021 unter dem Titel „Innovative Gestaltung des unterstützten Wohnens von Menschen mit Behinderung im Alter“ im IRB-Verlag (in Kooperation mit dem Lebenshilfe-Verlag) erscheinen.

Ergebnisse werden außerdem auf nationalen und internationalen Fachtagungen vorgetragen und in entsprechenden Fachzeitschriften publiziert.

Unter diesem Link finden Sie das englischsprachige Poster des Projekts vom IASSIDD Kongress 2018 in Athen.

Menschen mit Behinderung bis ins Alter bedarfsgerecht unterstützen – Abschlusstagung zum BMBF-Projekt MUTIG mit innovativen Ideen

Am 04. und 05. März 2020 diskutierten etwa 200 Teilnehmende aus vielen Regionen Deutschlands anlässlich der Abschlusstagung des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Förderprogramms SILQUA-FH geförderten Projektes MUTIG an der Katholischen Hochschule NRW in Münster innovative Modelle für die Unterstützung der Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter. Die Tagung wurde veranstaltet vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Kooperation mit dem Institut für Teilhabeforschung der Katholischen Hochschule NRW sowie der Lebenshilfe Nordrhein-Westfalen e.V. Sie gewann ihre Aktualität auch durch das Inkrafttreten wesentlicher Teile des Bundesteilhabegesetzes zum 1.1.2020. Die Leistungserbringer der Eingliederungshilfe und die Einrichtungen und Dienste für Menschen mit Behinderungen sind dadurch gefordert, die Fachleistungen personenzentrierter zu planen und umzusetzen – auch für ältere Menschen mit Behinderungen.

Prof. Dr. Friedrich Dieckmann und Frau Prof. Dr. Sabine Schäper eröffneten als Projektleitungen gemeinsam mit den Projektpartnern, vertreten durch Herrn Kockmann, dem stellvertretenden Leiter des Inklusionsamtes Soziale Teilhabe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, sowie Bärbel Brüning, der Geschäftsführerin des Landesverbandes Lebenshilfe NRW, die ausgebuchte Tagung. Prof. Schäper und Prof. Dieckmann stellten die richtungsweisenden Kernergebnisse des MUTIG-Forschungsprojektes vor. Dazu gehören viele interessante Bausteine, die in beispielhaften Wohndiensten für Menschen mit Behinderungen in NRW und Bayern ausfindig gemacht, analysiert und systematisiert wurden.

Vertreter*innen des Lebenshilferats NRW, die im Projektverlauf wichtige Impulse aus der Sicht der Nutzer*innen von Wohnangeboten beigesteuert haben, und Prof. Dr. Gerd Ascheid als Landesvorsitzender des Landesverbandes Lebenshilfe NRW e.V. als Angehörigenvertreter stellten ihre Wünsche und Anforderungen an gelingende Teilhabe bis ins Alter dar. Frau Marita John, Geschäftsführerin der Diakonie Ruhr Wohnen gGmbH gab Antworten auf diese Fragen aus Sicht eines Anbieters von Wohndiensten und wies auf Schlüsselprobleme für die Unterstützung in der eigenen Wohnung hin. Annette Schmidt, Sachbereichsleiterin „Entwicklung der Eingliederungshilfe“ des LWL und Geschäftsführerin der SeWO („Selbständiges Wohnen gGmbH“) beleuchtete aus Sicht des Leistungsträgers die zukünftige Gestaltung von Teilhabeleistungen.

Anschließend wurden in thematischen Workshops, die von Wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen des Instituts für Teilhabeforschung und ehemaligen Projektmitarbeiter*innen vorbereitet wurden, Detailfragen mit den teilnehmenden Expert*innen diskutiert: Für Menschen mit Behinderungen im Alter sind soziale Beziehungen besonders wichtig (Monika Laumann), die unterstützte Teilhabe muss geplant und gemanagt werden (Antonia Thimm), Wohnsettings müssen innovativ weiterentwickelt werden (Prof. Friedrich Dieckmann). Dazu ist kompetentes Personal unabdingbar notwendig, dieses gilt es zu gewinnen, zu qualifizieren und zu binden (Prof. Sabine Schäper). Im Alter sind zudem Angebote der Gesundheitsförderung besonders wichtig, und die pflegerische Versorgung muss sichergestellt werden (Barbara Schroer). Neu ist für viele Anbieter der Eingliederungshilfe, stärker im und mit dem Sozialraum zu arbeiten (Bianca Rodekohr, SeWo gGmbH). Und schließlich brauchen Menschen im Alter Unterstützung darin, die freie Zeit im Ruhestand aktiv zu gestalten (Martin Kemmerling). Die 200 Teilnehmenden konnten sich an Hand von Impulsvorträgen einen Überblick über die Gestaltungaufgaben und Lösungswege in diesen Themenfeldern verschaffen, die Vorschläge kritisch diskutieren und eigene Impulse geben.

Ein Highlight der Tagung bildeten die Beiträge der ausländischen Gäste aus Norwegen und Schweden. Frode Larsen & Lene Kristiansen vom Nationalen Kompetenzzentrum Alter und Gesundheit (Norwegen) und Dr. Petra Björne, Koordinatorin für Belange behinderter Menschen der Stadt Malmö und Forscherin an der Universität Lund (Schweden) boten Einblick in die sozialpolitische Fundierung und Praxis der viel stärker individualisierten Unterstützung der Teilhabe für Menschen mit Behinderungen in Skandinavien, machten aber auch auf durchaus problematische Entwicklungen in den skandinavischen Ländern aufmerksam, die die Errungenschaften in der Gestaltung inklusiver Lebenswelten durchaus gefährden. Dennoch berichteten die skandinavischen Kolleg*innen von sehr kreativen und individuellen Modellen der Lebensgestaltung von Menschen mit Behinderungen im Alter.

Den zweiten Tag leitete Jonas Kabsch mit seinem Vortrag über die Machbarkeit und Ausgestaltung personenzentrierter Hilfemixkonstellationen in Deutschland gerade auch bei erhöhtem Pflegebedarf im Alter ein.

Innovative Ansätze ihrer Arbeit präsentierten die Praxispartner*innen des Forschungsprojektes aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und Skandinavien den Teilnehmenden während eines „Gallery Walk“ (Ausstellungsrundgang). Hier auf nationaler Ebene vertreten: Lebenshilfe Wohnverbund NRW gGmbH mit dem Lebenshilfe Center Siegen und der Wohnstätte Wenden, die Diakonische Stiftung Wittekindshof, das Anneliese-Schweinberger-Haus Moosburg der Lebenshilfe Freising e.V. sowie die Ambulant Unterstützen Wohnformen und die Seniorenbetreuung der Lebenshilfe Schweinfurt e.V., Gemeinsam Leben Lernen e.V., München und die Diakonie Ruhr Bochum,. Themen waren u.a. das ehrenamtliche Engagement von Menschen mit Behinderung, Sozialraumorientierung als pädagogisches Konzept der Wohneinrichtungen, Technikunterstützung, Mitarbeiterführung und Qualifikation und die professionelle Begleitung am Lebensende.

Rudi Sack, Geschäftsführer des Vereins Gemeinsam Leben Lernen e.V. aus München, gab in seinem Vortrag einen aktivierenden Ausblick in die Zukunft gemeinsamer Wohnverhältnisse für Menschen mit und ohne Behinderung. Er betonte die Chance, Lebenswelten gemeinsam nachhaltig zu verändern, wenn wir die persönliche Begegnung auf Augenhöhe über die Lebenspanne hinweg als Faszinosum und Kern der pädagogischen Arbeit begreifen, nicht-professionelle Unterstützer anerkennen und in der Lage sind, uns gegen immer gut gemeinte Überregulierungen zu wehren, die das Versprechen vermeintlicher Sicherheit auf Kosten der Lebensqualität im Alltag geben.

 

Text: Jule Wevering

Fotos: Joana Deister

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